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Alte Obstsorten im »magischen Land«
In Rheinhessen laufen von »unschuldigen Apfelbäumen« eingefasste Straßen »über magisches Land«, schreibt Elisabeth Langgässer (1899-1950) in ihrer mythischen Erzählung »Proserpina«. Die Straßenbauer von Kurpfalz und Hessen-Darmstadt sorgten für diese Alleenbepflanzungen, nachdem Ende des 16. Jahrhunderts die erste deutsche Pomologie (Apfelkunde) als Buch mit schönen Abbildungen herausgeben wurde. 1776 gründete Schillers Vater die erste deutsche Baumschule in Württemberg, aber eine gezielt Züchtung fand erst um 1900 statt. Dann erschienen auch in Hessen-Darmstadt Sortenbücher mit farbigen Apfelzeichnungen. Die machten mehr Geschmack als die Fotografien von heute, weil die Schale den innen gespeicherten Geschmack durchscheinen ließ. Es ist die Vielfalt der Aromen, welche die alten Obstsorten in meiner Kindheitserinnerung so köstlich macht, und es sind die Namen: Berlepsch, Boskoop, Cox, Gol dparmäne, Renette, James Grieve, Ontario, Geheimrat Oldenburg - mein Opa hatte sie im Eisenbahnergarten und ich half pflücken, heimtragen, essen und entsaften. Es war auch ein Fest für die Nase! Elisabeth Langgässer schreibt: »Aus der Küche drang der süße Duft und Rauch des kochenden Obstes und der frisch gebackenen Kuchen... Mit nassem Gesicht liegen eilige Frauen vorüber, und jede von ihnen glich, die Schürze voller Obst, unterm Kranz ihrer Haare Pomona.« Das Bild der galloromanischen Fruchtbarkeitsgöttin ist - auch in Rheinhessen - überliefert in zahlreichen Tonfiguren mit Obstkorb und Baumstamm, einem Apfel in der Hand und einem Hund als Begleiter, der ihren Garten bewacht.
Die alten Zeichnungen finden sich wieder in einer Broschüre des Bayrischen Landesverbandes für Gartenbau und Landespflege, die unter dem Titel »Altbewährte Apfel- und Birnensorten« erschienen ist. Im Vorwort heißt es treffend: »Man erkennt heute wieder den Wert alter Sorten, die nicht nur süß, sondern auch aromatisch sind. Sie können zumeist noch in raueren Lagen angebaut werden, widerstehen den Schädlingen und Krankheiten besser und kommen mit weniger Schnittmaßnahmen aus als die Sorten des Erwerbsobstbaus.« Noch mehr Informationen bietet der Farbatlas »Alte Obstsorten« von Walter Hartmann. Hier habe ich alle meine Äpfel wieder gefunden, die zum Essen, zum Backen, zum Saft und zum Brei Machen und zum langen Lagern bis weit nach Weihnachten. Wenn der Boskoop mürbe wird, dann schmeckt er richtig gut - wenn er noch grün ist und fest, ist er zu sauer. Die Klaräpfel mochte ich nicht essen, aber si e waren früh reif und gaben einen guten Apfelbrei. Bei Geheimrat Oldenburg erinnere ich mich an die glänzende Haut, aber Cox Orange schmeckte aromatischer. Der Bohnapfel, den man nicht nur auf Streuobstwiesen fand, sondern auch als Einzelbaum auf den Äckern, war ein guter Mostbringer und Berlepsch gut geeignet für Apfelkuchen mit Hefeteig. Mit den Namen konnte und kann man reisen: der Ontario kommt aus Kanada, 1820 wanderte er über Paris nach Europa ein; James Grieve wurde vom gleichnamigen Züchter im schottischen Edinburgh gezüchtet; Berlepsch stammt wie der Bohnapfel aus dem Rheinland und wurde nach dem 1880 im Amt befindlichen Düsseldorfer Regierungspräsidenten, einem Freiherr von Berlepsch, benannt; die Goldparmäne ist wahrscheinlich um 1510 in der Normandie entstanden; Baumanns Renette wurde um 1800 in Mons (Belgien) gezüchtet und hat ihren Namen nach einem Brüderpaar, das im elsässischen Bollweiler eine Baumschule betrieb; Gravenstein er ist seit 1669 in Dänemark und Schleswig bekannt; der frostharte Klarapfel stammt aus dem Baltikum und gelangte von einer Baumschule aus dem lettischen Riga zunächst nach Frankreich.
Ursprünglich kommt der Apfel aus Südostasien und wurde erstmals im antiken Persien kultiviert. Die Römer haben ihn wie den Wein an den Rhein gebracht. Dann wurde er in Klostergärten weitergezüchtet. Die Apfelkultur bekam entscheidende Impulse durch Karls des Großen Verordnung »Capitulare de Villis«. Einen Garten nach karolingischer Art hat man im Weingut Storr (Alzey-Dautenheim) angelegt. Dautenheim ist auch eine von zwei rheinland-pfälzischen »Streuobst-Modellgemeinden«. Mit Hilfe von ehrenamtlich aktiven Bürgern und angeleitet vom Landschaftspflegeverband Rheinhessen/Nahe entstehen hier wieder Streuobstweisen mit alten Sorten. Noch in den 30er Jahren gab es rund um das Dorf etwa 3.000 Streuobstbäume, jetzt werden 30 neu gepflanzt und gepflegt. Vor allem die Mostherstellung war in früheren Jahrhunderten wichtig; eine Familie verbrauchte rund 2.000 Liter Most im Jahr, dazu kamen Dörrobst (Birnen und Zwetschgen) und Latwerge.
Lateinisch heißt der Apfel »malus«. Der Grund: Die beiden Bäume im Paradies waren in europäischer Tradition Apfelbäume und der menschliche Sündenfall verschob die Schuld nachträglich auf die verführerischen Früchte. In der keltischen Tradition steht der Apfelbaum weniger für den Baum der Erkenntnis als für den Baum des Lebens. König Arthur fährt nach Avalon, zur Insel der Apfelbäume, um Heilung zu finden. Robert von Ranke-Graves schreibt in seiner Mythenstudie »Die Weisse Göttin«: »Am 13. August wurde einst das vor-christliche Fest der Muttergöttin Diana, oder Vesta, mit Apfelmost, einem auf Haselruten gespießten und gebratenen Kitz und mit Äpfeln gefeiert, die in Büscheln an einem Zweig hingen. In Gallien war sie die Diana Nemetona, wobei nemeton ein heiliger Hain ist. Und sie wurde mit einem Apfelzweig, einem mit Äthiopiern ausgeschmückten Mostkrug und einem Löwen-Adler-Greif abgebildet, um die Jahreszeit ihres Festtages zu bezeichnen. Dieses Fest wurde im Mittelalter zu Mariä Himmelfahrt umgedeutet (am 15. August).« In der Frühkirche stand die Jungfrau in enger Verbindung mit der Weisheit, der Sankta Sophia, einem über die Religionen und Kulturen hinaus beständigen Bild für die Göttin, das Lebendige der Erde, das sich auch im Baum des Lebens verkörpert.
Nach 1945 hat das Bier zunehmend die Funktion des Mostes übernommen. Auch die Industrialisierung hat die alten Obstsorten verdrängt. Dabei gingen nicht nur Landschaftsbilder und damit auch ökologische Systeme verloren, nicht nur Aromen wurden vergessen und der Geschmack auf Einheitsmaß getrimmt, die genetische Einengung auf wenige Sorten brachte auch Gefahren im Bezug auf die Resistenz. Mittlerweile gibt es in vielen Ländern Gen-Datenbanken; in Dresden-Pillnitz werden z.B. Samen von 985 Apfelsorten aufbewahrt. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Bad Kreuznach kümmert sich auch um den Anbau alter Sorten. Wer die Apfelbäume seiner alten Streuobstwiese bestimmen lassen will und die Kenntnis der selten gewordenen Fachleute, Pomologen genannt, sucht, kann sich Hilfe bei regionalen Ansprechpartnern holen, der nächste wohnt im Donnersbergkreis (Dr. Gunter Mattern, Alsenz, Tel: 06362/22395). Der Naturschutzbund bietet übers Jahr Ex kursionen an, dabei stand in diesem Jahr auch schon einmal die Vogelwelt der Obstwiesen auf dem Programm (Infos unter www.nabu-rlp.de).
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