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Berge in Rheinhessen

Was sind Berge? »Hoch ansteigende Geländeerhebung, Hügel«, so belehrt mich das etymologische Wörterbuch. Dann hat Rheinhessen Berge, ja, man spricht sogar unter Geografen vom rheinhessischen Tafel- und Hügelland. Aber es ist kein Hochgebirge wie die Alpen und kein Mittelgebirge wie der Hunsrück. Rheinhessen ist die Uferzone eines Tertiärmeeres. Die Plateaus waren in vorgeschichtlicher Zeit einmal Inseln und Halbinseln, die Bachtäler haben die Buchten genutzt. Am Rande der Plateaus liegen die Berge des Hügellandes, der Wissberg oder der Petersberg zum Beispiel.

Die Menschen haben die Berge immer wieder gern als Siedlungsraum genutzt. Für manche Kulturen ist diese Nutzung geradezu charakteristisch, andere haben die Täler bevorzugt. Die fränkischen Dörfer von heute sind meist auf halber Höhe entstanden, da, wo es Quellen gab und keine Hochwassergefahr bestand. Der Wissberg zwischen Gau-Bickelheim, St. Johann und Sprendlingen ist ein Zeugenberg, dem Plateau vorgelagert und nur noch durch eine schmale Brücke weichen Gesteins verbunden. Oben auf der Kalktafel, wo sich heute ein Golfplatz befindet, siedelten zwischen 2500 und 1800 v. Chr. die Michelsberger, eine Ackerbauernkultur. Ein Modell der Siedlung findet sich im Alzeyer Museum. Die ihnen folgenden Hügelgräberleute waren dagegen Viehzüchter und gingen zurück ins Tal.

Der Jakobsberg bei Ockenheim ist ein am Rheintalgraben liegender Plateaurand. Hier finden sich Siedlungsspuren seit der Altsteinzeit (20.000 v. Chr.). Das heutige Benediktinerkloster auf dem Berg geht auf eine Wallfahrt zu der erst 1720 erbauen 14-Nothelfer-Kapelle zurück. Bis 1845 lebten nur Eremiten in ihrer Umgebung. Nach dem Tod des letzten Einsiedlers bemühten sich die Ockenheimer Pfarrer um eine Klostergründung, die aber erst 1922/23 gelang.

Als im Jahre 1666 in Bingen die Pest wütete, gelobte der Stadtrat den Bau einer Kapelle zu Ehren des Hl. Rochus. 1677 wurde die kleine Kirche auf dem Rochusberg fertiggestellt und diente von da an als Wallfahrtsort. Trotz der Zerstörungen durch französische Soldaten 1689 und 1795 blieb die Wallfahrt beliebt. Goethe schildert die Weihe der neuen Kapelle von 1814 in seinen Lebenserinnerungen. Damals ließ er sich als jungen Rochus auf Wanderschaft malen und stiftete das Gemälde für die Kapelle. Aber bis auf die barocke Rochusstatue verbrannte das gesamte Inventar 1889. Der heutige Bau wurde ein Jahr später errichtet. Stefan George beschreibt die Prozessionen: »Im monat der Maria gingen wir des abends mit kränzen und grossen fliederbüschen zur kapelle um das bild der himmelskönigin zu schmücken.«

Auch der Petersberg bei Gau-Odernheim und Bechtolsheim ist ein Zeugenberg, der allein vor einem Plateau liegt. Wie alle rheinhessischen Berge wird er seit Jahrhunderten vom Weinbau genutzt. Bereits in vorrömischer Zeit soll hier laut Sagenbüchern ein Heiligtum bestanden haben. Eine Kapelle gab es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Jedenfalls hielten die Odernheimer im Mittelalter ihre beiden Jahrmärkte an Peter und Paul (29. Juni) und Petri Kettenfeier (1. August) hier oben ab, bis ihnen der Weg zu beschwerlich wurde. Eine Wallfahrt hielt sich bis 1832. Danach, so wird erzählt, hätten sich die Katholiken der Umgebung nur noch am Ostersonntag zum Sonnenaufgang auf der Bergspitze versammelt, um das Osterlamm zu erblicken und die Sonne hüpfen zu sehen.

Und wie man den Berg hinaufkommt, so kann man auch hinunterfallen. Die bewaldete Teufelsrutsch bei Nack und Wendelsheim über dem Wiesbachtal kennt dazu eine Sage. Der Teufel soll die Tochter des Burgherren von Nieder-Wiesen gefreit haben. Um aus der kniffligen Lage elegant herauszukommen, habe dieser dem Herrn der Unterwelt die Aufgabe gestellt, er müsse mit nacktem Hintern den Geröllhang des Berges hinunterrutschen. Bei diesem Unterfangen habe der Teufel sich derart am verlängerten Rücken verletzt, dass er fluchend abgezogen sei und auf eine Heirat verzichtet habe, heißt es.

Schließlich gibt es in Rheinhessen mehrere Galgenberge, so bei Alzey und Nierstein. Andere Erhebungen sind vor allem wegen ihrer wärmeliebenden Flora bekannt wie der Martinsberg bei Siefersheim. Ab und an finden sich Bauwerke auf den Aussichtspunkten wie der Wartbergturm bei Alzey. Die exponierte Lage in der offenen Landschaft, die einen weiten Blick in den Himmel hinein zulässt, hat in den letzten Jahren mancherorts dazu geführt, dass sich Windenergieparks angesiedelt haben. Mit etwas mehr Planung und Kunstverstand hätte man die Windräder sicher mit kinetischen Kunstwerken mischen und zu einer ästhetischen Wallfahrtsstätte ausbauen können. Denn die Berge sind den Menschen irgendwie heilig, auch heute noch.

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Der Wissberg bei Gau-Bickelheim
Der Wissberg bei Gau-Bickelheim
Die Kapelle auf dem Rochusberg
Die Kapelle auf dem Rochusberg
Der Peterberg bei Bechtolsheim
Der Peterberg bei Bechtolsheim
Die Teufelsrutsch über dem Wiesbachtal
Die Teufelsrutsch über dem Wiesbachtal

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