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Die äbsch Seit - Alltagserfahrungen mit der verkehrten Welt
»Ich war immer der Meinung, dass die Meenzer uff de eebsch Seit wohne. Un die Meenzer behaupte nadierlich steif un fest, dass de Rheingau uff de eebsch Seit lieht." Ulrike Neradt beruft sich in ihrem Buch »Wo is die eebsch Seit?« auf einen Kreuznacher Mundartautor, um das Wort »äbsch« erklären zu können. Der meint, es habe etwas mit den Treidlern zu tun, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Leinpfaden am Rheinufer die Schiffe mit Hilfe von Pferden bergauf ziehen mussten. Damit die Pferde nicht von der Sonne geblendet worden seien, habe man ihnen Scheuklappen angelegt und je nach Sonnenstand deren Seite gewechselt. Daraus folgert Neradt augenzwinkernd: »Die eebsch Seit gibt's hibbe wie dribbe, nur zu annern Dacheszeide. Von Köln bis Binge is die eebsch Seit mons rechtsrheinisch. Un von Ingelum bis Meenz sin die Linksrheinische ab middachs uff de eebsch Seit.«
Der Kabarettist Jürgen von Manger sagte in seiner Rolle als Adolf Tegtmeier immer: »Wat man nicht selber weiß, dat muß man sich erklären.« Ganze Generationen von feudalen Chronisten, Genealogen und Heimatforschern haben nach diesem Prinzip immer neue und teilweise gut haltbare Erklärungslegenden in die Welt gesetzt. Auch in der Wissenschaft halten sich Hypothesen oft Jahrzehnte und Jahrhunderte als Faktum, wenn sie ex cathedra, also als offizielle Lehrmeinung verkündet werden. Bis einer kommt und wieder in den Krümeln sucht. Suchen wir also mal nach Verbreitung und Ursprüngen des schönen Wortes »äbsch«, bevor wir neue Erklärungen anbieten.
Von der »äbsch Seit« eines Flusses wird nicht nur an den gegenüberliegenden Ufern von Rheingau und nördlichem Rheinhessen geredet, sondern auch an der Nahe bei Hochstetten.
Karl Schramm berichtet in seinem »Mainzer Wörterbuch«, dass der Begrif nicht nur in Mainz und Wiesbaden gebräuchlich ist, sondern in Rheinhessen, der Pfalz und im Hessischen überhaupt. Das »Kleine Südhessische Wörterbuch« von Roland Mulch klärt uns darüber auf, dass man auch davon spricht, dass de Weinberge »uff de äbsch Seit« liegen, wenn sie auf der sonnenlosen Nordseite angelegt werden, was allerdings nur »äbsche Winzer« machen dürften. Jedermann weiß, dass Weinberge auf die Südseite der Hänge gehören, allenfalls kleinere Talmulden oder Südost- und Südwesthänge könnten sich »zurechtäbschen«. Man spricht auch davon, dass ein Kleidungsstück »äbsch herum« angezogen wird, also verkehrt herum, das Innenfutter nach Außen gewendet. Die linke Hand wird in der Rechtshänderwelt auch als verkehrte Hand, als »äbsche Hand« gebrandmarkt. Ein »Äbscher« ist daher laut Kochs rheinhessischem Schimpfwörterlexikon auch ein linkischer Mensch, ungeschickt und unbeholfen im Umgang mit sozialen Normen und technischen Kniffen. Roland Mulch weiss von Vergleichen wie dem sich »äbsch anstellen wie e Judd, Gans, Bock, Rind«. Damit wäre aus dem »äbsch Dier«, wie der Rheinhesse vorzugsweise Frauen betitelt, ein sozialer Außenseiter geworden, der mit den Tieren auf einer Stufe steht, mithin kein Menschenrecht genießt. Die Rechtsgeschichte belehrt uns andrerseits, dass Schläge mit dem Handrücken besonders verwerflich seien und bezeugt dies im 16. Jahrhundert als Schläge mit »äbicher hant«: »Wann ainer den andern mit äbicher hant schlecht, das ist ain schamschlag.« (1596)
Die Wortgeschichte schließlich klärt uns über das komplette Begriffsfeld dieses Wortes auf. Es steckt die indogermanische Wurzel »op« oder »epi« in ihm, wie sie in gotisch »ibuks« oder lateinisch »opacus« (schattig, hinten gelegen) auftaucht. Gerhard Köbler reiht dem Adjektiv in seinem Althochdeutschen Wörterbuch eine ganze Bedeutungsreihe zu: »falsch, verkehrt, umgewendet, umgekehrt, schlecht, unheilvoll, böse, hinterhältig, übel, schlimm, ungünstig, rauh, wild.« Der Rheinhesse erkennt sich darin wieder, wenn er sich vorstellt, was der noble Rheingauer meint, wenn der von der »äbsch Seit«spricht. Auch vom Gegensatz Stadt-Land steckt etwas in diesem Wort. Der Städter spielte sich schon im Mittelalter gern gegenüber dem Bauern auf, ein altes Vorurteil der Ständegesellschaft mithin, das aus zahlreichen Epen wie dem »Meier Helmbrecht bekannt ist und immer wieder neu aufgelegt wird. In Rheinhessen seinerseits vermutet man »äbsche Menschen« in »de alt Welt«, hinten am Glan und an der Alsenz, Richtung Westpfalz. Die Barbaren, die Gestrigen, die mit der anderen Kultur, die Hexen, die Irren - sie alle liegen »uff de äbsch Seit«. In dem Lied »Äbschseider« habe ich einmal gemutmaßt: »Isch kumm vun weid hinnerm Ural, vun iwwer de Sahara, vun owwerm Dschungel, aus de Bersche, de Wieschde, bin en Steppesohn mit Leopardefell, en bäreköpfische Medizinmann, den Büffelkriescher, en Blasrohrjunkie, danz wie em Lumpe am Stecke die äldschde Zigeunerdänz, blos die Zurna unn klobb die Dawul derwischmäßisch, loss die Saz sisch iwwerschlaa in koschtbare Vezierunge. Mein Kerper is bunt bemoold mid wilde Zeische. In mei'm Turban festecken sisch Kaffee- unn Kakaobohne, Tabak unn Kardoffelknolle: Sesam öffne disch! Dausend unn aa mol.«
Althochdeutsch heißt »äbsch« noch »abuh« und es gibt auch Substantive wie »abuhheit, abuhi, abunessi«. Diese blättern noch eine weitere Seite der verkehrten Welt auf, die Verschlagenheit, in der sich das Böse mit Klugheit, neudeutsch Cleverness paart. In den Wagneropern steht der Gott Loki für diese Eigenschaft, aber auch der listige Odysseus und der Alchimist Faust haben an dieser mythischen Figur Anteil. Schließlich passt diese Variation sogar auf die Mentalität der spöttischen Rebellen im deutschen Südwesten, die in der Tradition der Aufklärung immer eher westlich, gottlos, französisch orientiert waren und damit unsichere Kantonisten für die nationale Selbstvergewisserung der Deutschen. Im Mittelhochdeutschen wurde aus »abuh« dann die Form »ebech, ebch, ebich«, im Neuhochdeutschen gibt es das Wort nur noch als Adjektiv der rheinfränkischen Mundart, das Substantiv ist ausgestorben. Leider möchte man sagen, denn eine hochdeutsche »Äbschness« wäre eigentlich ein Begriff, der uns im Repertoire fehlt, um die heutige Wirklichkeit treffend beschreiben zu können. Vielleicht ist das Wort also gar nicht ausgestorben, sondern bewusst zum Verstummen gebracht worden, um besser Desinformation betreiben zu können, ohne dass einer so recht sagen kann, was denn da geschieht.
Das Wechseln der Seiten ist ein altes Spiel der Kultur und findet seinen Höhepunkt in den närrischen Ritualen der Fastnacht. Verkehrte Welt spielen, über die Stränge schlagen, aber zurückkehren in den Alltag wie ein Schamane aus dem Jenseits der Geisterwelt, das macht Freude, erhält die Gesundheit und ist eine besondere Kunst, die nur freie Menschen beherrschen. An den Ufern eines Flusses sind solche Wechsel selbstverständlicher Teil der kulturellen Erinnerung, denn Flüsse provozieren nicht nur Grenzen, sondern auch Brücken, stellen nicht nur Hindernisse dar, sondern dienen der Fortbewegung als Verkehrsstraßen. Entscheidend ist also, dass man die Seite wechseln kann, dass die »äbsch Seit« wechselt, dass man in andere Rollen schlüpft oder aber zumindest die Herabwürdigung des »Äbschen« mit einem ironischen Augenzwinkern versieht, im Bewusstsein, dass man im Grunde genauso viel und wenig »äbsch« ist wie sein Gegenüber, nur auf andere Art vielleicht. So löst sich das Böse im Spiel ebenso auf wie das Linkische, Absonderliche und wird fruchtbar für neue Entwürfe in die Zukunft.
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