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Die Kelten in Rheinhessen
»Die Geschichte von Worms und seiner Gegend verliert sich in den dunklen Zeiten der Gallier oder Kelten. Welche historischen Denkmäler fände man bei einem Volke, dessen Thaten nur in Liedern lebten, nur in Hymnen wiederhallten.« So hat Philipp August Pauli 1825 in seiner »Geschichte der Stadt Worms« die gesamte vorrömische Geschichte von »Borbetomagus« (keltisch für Worms) zusammengefasst. In der Tradition des Ossian, eines vom schottischen Dichter James MacPherson (1736-96) erfundenen und für echt ausgegeben keltischen Barden, packte man alle Kulturen ohne eigene schriftliche Überlieferung unter einen poetischen Volksbegriff. Die Megalithkultur der jüngeren Steinzeit (4000 - 2200 v. Chr), die Bronzezeit (2200-750 v. Chr.) und die galloromanische Mischkultur mit den Matronenfiguren und Quellkulten (1. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) galten alle als keltisch. Dazu kamen die mündlichen Überlieferungen an Liedern und Sagen sowie - b ei uns am Rhein - die Orientierung der 48er Demokraten an Frankreich und damit an den Kelten: Man grenzte sich so von den »preußischen« Germanen östlich des Rheins ab.
Tatsächlich wird das heutige Rheinhessen zwischen 750 und 15 v. Chr., also in der Eisenzeit, durch eine keltische Bevölkerung geprägt. Diese Kultur hat ihre Wurzeln bereits in der späten Bronzezeit der Urnenfelderkultur und endet mit den Überfallen der Sueben unter Ariovist (72-58 v. Chr.). Bereits vorher war der Rhein keine Grenze zwischen den miteinander verwandten Kelten und Germanen: Personengruppen überquerten ihn von Ost nach West und umgekehrt und benutzten ihn in Nord-Süd-Richtung als Handelsweg. Die um Worms ansässigen Vangionen werden als Germanen betrachtet, während im nördlichen Rheinhessen mit den Aresaces und den Caeracates Kelten vermutet werden, die in Beziehungen zum größeren Stamm der Treverer (um Trier) gestanden haben sollen.
Im Spätlaténe ab 150 v. Chr. entstand die Kultur der Oppida. Das waren riesige Höhensiedlungen, welche die Regionen dominierten. Für uns befand sich dieser Ort auf dem Donnersberg, wo man auf den Resten der Wälle noch heute spazieren gehen kann. Die Grabungen an Ort und Stelle haben nicht sehr viel mehr Informationen über die dort wohnende Bevölkerung gebracht. Letztlich weiß man den Namen der im heutigen Rheinhessen lebenden Kelten wohl deshalb nicht, weil sie in einer Grenz- und Mischregion zuhause waren. Das Oppidum auf dem Donnersberg wurde wahrscheinlich im Zuge der suebischen Überfälle freiwillig aufgegeben. Seit März 2004 gibt es bei Steinbach den Nachbau eines Keltendorfes und einen Keltengarten, wo man sich über Leben und Alltag der Kelten informieren kann.
Vor der Gründung der Höhensiedlungen (400 bis 200 v. Chr.) gab es starke Wanderbewegungen der Festlandskelten, ähnlich wie in der germanischen Völkerwanderung der Spätantike: 387 v. Chr. tauchten Kriegergruppen vor Rom auf, 279 v. Chr. in Delphi. Die Gründe für die Wanderungen sind unklar, aber sie haben jedenfalls den mediterranen Einfluss auf die keltische Kultur verstärkt, wie man bei Gräberfunden in Armsheim, Flonheim und Wallertheim festgestellt hat. Aus den Fürstengräbern des Frühlaténe kennt man neben diesen Importwaren auch Waffen und Alltagsgerät sowie zweirädrige Wagen, die in der davor liegenden, weniger gut dokumentierten Hallstattzeit noch vierrädrig waren. Während die Wagen mit zwei Rädern auch als Streitwagen taugen, hat man die mit vier Rädern wahrscheinlich für Umzüge und Prozessionen sowie für die Fahrt zum Grabhügel genutzt. Amulett, Klappern und Rasseln deuten auf die Angst vor wiedergängerischen Toten hin, die bereits in der Steinzeit verbreitet gewesen sein muss. Eine Ausstellung im Museum Alzey unter dem Titel »Bevor die Römer kamen« ist gerade zu Ende gegangen und hat in einem Katalog die Funde des Alzeyer Raumes dokumentiert.
Wesentlich mehr wissen wir dagegen über die galloromanische Mischkultur der Zeit nach Christi Geburt. Die Tempelbauten und figürlichen Darstellungen nach römischem Vorbild haben die Viereckschanzen und die eher ornamentale Kunst der vorchristlichen Kelten ersetzt und zudem die Volkskultur der Region bis in die Moderne hinein geprägt. So steht z.B. der Quellkult der Sirona in Alzey und Nierstein in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der Sagenversion, dass Kinder aus Quellen und Brunnen kommen, in Alzey z.B. aus dem Mühlbrünnchen nordwestlich der Stadt. Oder die Walpurgisnacht zum 1. Mai, in der die Hexen, bzw. die jugendlichen Männerbünde umgehen: Sie liegt auf dem Termin von Beltaine, dem keltischen Frühlingsfest, wie man es aus Irland kennt.
Schließlich haben die Kelten nach 1945 eine erneute Renaissance erlebt, weil die Germanen durch die kriminelle NS-Ideologie missbraucht und demzufolge tabuisiert wurden. Die Artusepik - bereits im Mittelalter bei uns heimisch geworden - hatte in Frankreich und England eine ungebrochene Tradition, wiewohl sie sich nicht wesentlich vom germanischen Epos unterscheidet. Und Rheinhessen war und ist eine Region der Mischkulturen: keltisch, germanisch, römisch, jüdisch usw. Spannend könnte vor allem eine vergleichende Analyse griechisch-römischer und keltisch-germanischer Kunst vor Christi Geburt sein. Die unterschiedlichen Schwerpunkte machen eine differenzierte Skizzierung kultureller Konzepte von Mensch und Umwelt möglich. So sind die Götterfiguren der Griechen und Römer eher den realen Menschen nachempfunden, während bei Kelten und Germanen der Laténezeit Gesichtsmasken und Tiersymbole vorherrschen, also Hinweise auf schamanistische Riten der Verwand lung geben könnten. Jedenfalls sind wir mit den Kelten unseren Wurzeln in Stammeskulturen näher als bei den Römern.
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