Inhalt
Die Nibelungen in Worms
Eigentlich sind es ja die Burgunder, deren Königshof laut Nibelungenlied (um 1200) »ze Wormez bi dem Rine« liegt. Nibelungen heißen sie erst, nachdem Hagen mit Wissen des Hofs Siegfried ermordet und dessen Gold im Rhein versenkt hatte. Siegfried hat den Schatz seinerseits zur Zeit seiner Drachenabenteuer irgendwo in Europa den Königen Nibelung und Schilbung gewaltsam entrissen. Damit sind die Nibelungen der sagenhafte Teil der Wormser Stadtgeschichte, während die Burgunder nach den dünnen historischen Quellen, die wir besitzen, durchaus im 5. Jahrhundert im Raum Worms gelebt haben könnten.
Aber Burgund ist auch eines der drei Königreiche, die vom deutschen Kaiser im Mittelalter regiert werden. Friedrich Barbarossa lies seine Frau Beatrix von Burgund z.B. im Wormser Dom zur Königin salben. Die Freie und Reichsstadt Worms war für die Staufer eine ihrer Hauptstädte, in und mit der sie ihren dynastischen Anspruch auf Burgund legitimieren konnten. Für den anonymen Dichter hatte die tragische Geschichte des spätantiken Burgunderreiches an Rhein und Rhone den unschätzbaren Vorteil, auf Katastrophen und Gewalttaten seiner Zeit, vor allem im Umfeld Heinrichs VI. anspielen zu können.
Das Nibelungenlied kommt nach 1300 zunehmend außer Gebrauch. Kaiser Maximilian - übrigens ebenfalls mit einer burgundischen Prinzessin verheiratet - lässt es Ende des 15. Jahrhunderts der Erinnerung wegen aufschreiben. Sein Vater Friedrich III. suchte 1488 in einem Wormser Megalithgrab nach sterblichen Überresten des Riesen Siegfried. Da hatte also bereits eine märchenhafte Sagentradition begonnen, wie wir sie im Volksbuch vom »Hürnen Seyfried« finden, das die Befreiung der Prinzessin Kriemhild aus den Fängen eines bösen Drachen in den Mittelpunkt der ebenfalls in Worms angesiedelten Story rückt und auf die politische Dimension des hochmittelalterlichen Liedes gänzlich verzichtet. Der Künstler Eichfelder erinnert heute daran durch die Installation »Siegfrieds Grab« auf dem Torturmplatz vor dem Nibelungenmuseum.
Handschriften des Nibelungenlieds wurden Ende des 18. Jahrhunderts wiederentdeckt. Mit nationalen Tönen aufgeladen wurde der mittelalterliche Text aber erst 1848/49. Da konnte Siegfried aber immerhin für Friedrich Engels noch die Heldenrolle eines jugendlichen Revolutionäres spielen. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde Bismarck als Siegfried gedeutet. In Worms wurde man sich erst ab den 1890ern Jahren wieder seiner Nibelungentradition bewusst. Das Festhaus entstand und neoromanische Bauten im »Nibelungenstil«. 1937-39 inszenieret die NS-Propagandamaschine um Goebbels Nibelungen-Festspiele mit dem Hebbelstück und bekannten Filmschauspielern wie Carl Raddatz und Agnes Straub in den Hauptrollen auf der Wormser Festhausbühne.
So richtig aus der Mottenkiste kommen die Nibelungen dann erst wieder gegen Ende des 20. Jahrhunderts. In der staufischen Stadtmauer wird das Nibelungenmuseum (www.nibelungen-museum.de) eröffnet. Die 1998 gegründete Nibelungenlied-Gesellschaft veranstaltet wissenschaftliche Symposien (www.nibelungenlied-gesellschaft.de) und gemeinsam mit dem Netzwerk Lebendiges Mittelalter Ende Mai den Mittelaltermarkt »Spectaculum«. Seit 2002 finden die Nibelungenfestspiele (www.nibelungenfestspiele-worms.de) statt. Die Uraufführung des eigens dafür verfassten Stücks von Moritz Rinke, in der Inszenierung von Dieter Wedel und mit Mario Adorf, Götz Schubert, Maria Schrader, Wolfgang Pregler und André Eisermann in den Hauptrollen, war ein großer Medien- und Publikum serfolg. Vom 15. bis 30.8.2003 kann man diese Inszenierung auf dem Domplatz - mit wenigen Umbesetzungen - noch einmal sehen. Außerdem wird ein vielseitiges Begleitprogramm mit Musik, Theater, Ausstellungen, Vorträgen, Symposien, Veranstaltungen für Kinder und nibelungischen Stadtführungen angeboten. Karten gibt es über die Touristinformation (Tel: 06241/25045) oder über www.ticketonline.de.
Inhalt Marginalspalte rechts



