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Ein- und Auswanderung in Rheinhessen: Mischung der Kulturen als Prinzip

Der Fluß hat Rheinhessen am längsten und am nachhaltigsten geprägt. »Es sind die Ströme, die die Länder tragen und die Erde im Gleichgewicht halten, da sie die Meere miteinander verbinden und die Kommunikation der Weltteile herstellen. Im Stromland ist es, wo die Völker sich ansiedeln, wo ihre Städte und Märkte, Tempel und Kirchen entstehen, wo ihre Handelswege und ihre Sprachen sich begegnen. Im Strome sein, heißt, in der Fülle des Lebens stehn.« (Zuckmayer, Als wär`s ein Stück von mir).

Bereits die Kulturen der Jungsteinzeit, die in Rheinhessen siedelten, beschreiben mit ihrer Herkunft den europäischen Horiziont der Landschaft. Die Band- und Schnurkeramiker stammen aus Mitteldeutschland, die Michelsberger vom Bodensee, die Urnenfelderleute aus dem Donauraum. Kunst und Handwerk der eisenzeitlichen Kelten sind stark vom Mittelmeerraum her beeinflusst, insbesondere von der etruskischen Kultur. Als die Römer kamen, wurde der Rhein erstmals zur Grenze. Andrerseits kamen Soldaten aus allen Regionen des Imperiums an den Rhein. So weisen die Gräber des römischen Nordfriedhofs auf Nantes, Triest, Spanien, die Schweiz, Wales und Böhmen hin. Religiöse Kulte aus dem vorderen Orient (Isis, Kybele, Mithras) hinterließen ihre Spuren. Auch die ersten Juden kamen damals wahrscheinlich ins Rheinland. Im 5. Jahrhundert siedelten sich Germanen an, so die ursprünglich aus dem Ostseeraum stammenden Burgunder (413-436), deren Geschichte fast 800 Jahre spä ter literarisch im Nibelungenlied verarbeitet wurde. Der Hörturm des Wormser Nibelungenmuseums zeigt in seinem Dachgeschoss die europäische Geografie des Epos und lässt in alle Himmelsrichtungen blicken. Aber schon die frühmittelalterlichen Städte waren überregionale Handelsplätze. So gab es z.B. in Mainz ein Friesenviertel, das nahe am Hafen im Bereich Heiliger Geist/Löhrgasse lag. Die jüdischen Gemeinden in Mainz und Worms entwickelten sich im Hochmittelalter zusammen mit Speyer und dem nordfranzösischen Troyes zu berühmten Bildungsstätten des aschkenasischen Judentums.

Die Einwanderung im 16. und 17. Jahrhundert wurde vor allem durch religiöse Vertreibungen und die kurpfälzische Siedlungspolitik nach den großen Kriegen 1648 und 1689 gesteuert. Aus der Schweiz kamen Mennoniten (Täufer), u.a. nach Worms, Ibersheim, Monsheim und Erbes-Büdesheim, aus den Niederlanden Reformierte und aus Frankreich Hugenotten und Waldenser. Das Oppenheimer »Welschdorf« entstand auf diese Art. Vor allem im Druck- und Verlagswesen sowie in der Landwirtschaft kam es so zu einem Innovationsschub. Die kurpälzische Regierung versprach den Neusiedlern, die in eine weitgehend verwüstete und entvölkerte Landschaft kamen, im Jahre 1650: »Wer Häuser repariert, ist zwei Jahre, wer neue aufbaut drei Jahre frei von Steuern.« (Schrecker, Zuwanderung im Wonnegau, in: Heimatjahrbuch Alzey Worms 2005). Namen wie Stauffer, Gallé, Dimmler, Jennewein, Lameli und Heyl stammen aus dieser Zeit. Auch italienische Kaufleute kamen ab de m 17. Jahrhundert in die Region. Davon zeugt z.B. das barocke Puricelli-Haus in Bingen (1780).

Im Gegenzug wanderten bereits 1685 die ersten Familien nach Pennsylvanien in Amerika aus, und zwar Quäker aus Kriegsheim, die erst einige Jahrzehnte zuvor aus den Niederlanden eingewandert waren (Helmut Schmahl, Verpflanzt, aber nicht entwurzelt, S. 63). Im frühen 19. Jahrhundert war die Auswanderungsquote gering, und das trotz wirtschaftlicher Katastrophen wie dem Hungerjahr 1816. Damals begannen bereits große Auswanderungswellen nach Amerika und Osteuropa aus Baden, Württemberg, der Schweiz und dem Elsaß. Zwischen 1823 und 1826 wanderten allerdings bäuerliche Familien aus dem Alzeyer Raum (1000 bis 1500 Personen) nach Brasilien aus, was auf eine gezielte Werbepolitik des südamerikanischen Landes zurückzuführen ist. Nach der Niederlage der demokratischen Revolution von 1849 setzte zunächst vor allem eine politische Emigration ein. So berichtet z.B. der Wormser Arzt und Publizist von Löhr in einem Brief aus Le Havre: »Das Meer war pra chtvoll. Die Sonne schien hell und freundlich und in langer Prozession zogen über 200 Schiffe hinaus. Wir standen am Quai, an uns fuhr ein Schiff voll Westhofer vorbei, die das Heckerlied sangen.« (Haasis/Gallé, Oberrheinische Freiheitsbäume) Erst nach 1851 erreichte die rheinhessische Auswanderung nach Nordamerika ihren Höhepunkt. Die meisten Auswanderer stammten aus dem Süden Rheinhessens. Man schätzt, dass es im 19. Jahrhundert insgesamt 50.000 bis 60.000 Personen waren. Nach Polen, Ungarn oder Russland wanderten etwa 8 Prozent dieser Gruppe aus. Einige wenige Familien ließen sich für Algerien oder Australien anwerben.

Um 1900 kamen norditalienische Familien nach Rheinhessen, die zunächst Südfrüchte und dann Eis verkauften. Die »Wormser Italiener« z.B. betreiben dieses Geschäft noch heute.

Nach 1945 wurde eine große Anzahl aus dem Osten vertriebener deutscher Familien und später Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone, bzw. der DDR in Rheinhessen angesiedelt Im Wonnegau zeugen davon Familiennamen wie Sander, Frobese (Schlesien), Seluga (Ostpreußen), Fieguth (Westpreußen), Hechler (Sachsen), Hagemann (Sachsen-Anhalt) und Talaska (Ungarn). Ab den sechziger Jahren wurde verstärkt um Gastarbeiter geworben, zunächst vor allem aus Italien, aber auch aus Griechenland, Spanien und Portugal, später dann aus der Türkei. Durch Vermittlung des Arbeitsamts kamen so z.B. im Jahre 1965 über 20 türkische Frauen zur Garnspinnerei Altmann in Alzey. Einige haben sich mit ihren Familien hier niedergelassen. Die Kinder und Enkelkinder sind in Deutschland aufgewachsen. Diese Einwanderung hat also bereits eine vierzigjährige Geschichte. Nach 1989 kamen mit den Spätaussiedlern verstärkt deutschstämmige Familien aus Russ land, deren Vorfahren 200 Jahre zuvor dorthin ausgewandert waren.

Die Bevölkerung Rheinhessens hat sich also von Anfang an und immer wieder durch Einwanderungsprozesse verändert, bzw. neu gebildet. Die Landschaft ist wie die übrigen Regionen am Rhein eine Mischkultur. Auch im Bereich religiöser und politischer Unterschiede hat man gelernt, mit Menschen anderer Weltanschauung zu leben. Das ist eine gute Voraussetzung für eine globale Perspektive. Das europäische Miteinander ist für die meisten Jugendlichen ohnehin bereits Alltag, auch was das Sprachenlernen angeht. Diese Offenheit spricht nicht gegen eine regionale Identität, die sich in Rheinhessen vor allem an den Impulsen von Aufklärung und französischer Revolution orientiert, aber eben deutsch und eher ländlich. Die Kunst der Mischung eben ist es, die das Wesen ausmacht.

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