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Fastnacht - die Lachkultur des Volkes?

»Heiterkeit und Freiheit führen das Leben aus seinen gewöhnlichen Gleisen heraus und lassen Unmögliches möglich werden«, so beschreibt der russische Kulturwissenschaftler Michail Bachtin die »Lachkultur des Volkes«. Essen, Sexualität, Gewalt, Verkleidung und Entglorifizierungen prägen die volkstümliche Feierkultur. Als ihren Prototyp beschreibt der englische Kulturhistoriker Peter Burke den Karneval, der »die Vorstellung von der verkehrten Welt in die Wirklichkeit umsetzte: Ein Lieblingsthema der Volkskultur des frühneuzeitlichen Europa war le monde reversé, il mondo alla rovescia, the world turned upside down.« Es handelt sich dabei um eine allgemeinmenschliche Tradition, den Widersprüchen in Leben, Alltag und Gesellschaft einen sozial planbaren Ausdruck zu geben.

Bekannt sind heute vor allem der rheinische, der venezianische, der brasilianische und der alemannische Karneval, im deutschen Südwesten als Fastnacht bezeichnet. All diese Formen beziehen sich auf die Tradition der christlichen Vorfastenzeit, wiewohl sich das Thema von Fasten und Feiern auch in anderen, z.B. muslimischen Kulturen findet. Die schlaraffische Völlerei hat sich im dörflichen Brauchtum Rheinhessens lange Zeit im fastnachtlichen Heischebrauch erhalten. Die maskierte Jugend zog dabei mit Lärminstrumenten wie der Teufelsgeige oder Ratschen aus Holz sowie Pritschen zum Schlagen durchs Dorf und heischte an den Haustüren und Hoftoren mit Liedern um Geschenke: »Die Pann kracht, die Pann kracht, die Kichelscher sein geback, eraus mit, eraus mit, ich steck se in de Sack. Drowwe in de Ferscht, do hängt e Stang voll Werscht, gewen uns die lange, die korze loss noch hange.« Das Rügebrauchtum setzte sich in der Mainacht um (Maibäume, Aschetreuen, auf draußen stehengebliebenes landwirtschaftliches Gerät aufmerksam machen) und in der »Kerweredd«, die das Dorfgeschehen glossierte. Träger des Brauchtums war in der Regel die männliche Jugend. Während die Mainacht sich erhalten hat, ist das Heischebrauchtum neuerdings zu Halloween gewechselt und die »Kerweredd« wurde zur Büttenrede des Protokollers in der Saalfastnacht.

Diese bürgerliche Form der Fastnacht kommt im frühen 19. Jahrhundert zuerst in Köln auf. Um einen Umzug mit Prinz Karneval und 15 Zugnummern, wie er 1823 erstmals stattfand, jährlich mit wechselndem Motto zu wiederholen, wurden Komitees gegründet. Die bürgerliche Vereinsform orientierte sich dabei ebenso an den Lesegesellschaften der Aufklärung wie an den Clubs der französischen Revolution und älteren Traditionen kommunaler Selbstverwaltung. 1837 sprang der Funke auch auf Mainz über. Anton Maria Keim hat die Vereins- und Saalfastnacht, die sich vor allem in Mainz während des Vormärz zur politischen und literarischen Fastnacht entwickelte, mit der Mainzer Republik von 1792/93 in Verbindung gebracht: »Die Phrygiermütze wird zur Narrenkappe, der Club zum närrischen Verein, das revolutionäre Tribunal mit Ankläger und Präsident zum Elferrat, närrischem Ausschuß, Comité, der öffentliche Ankläger wird zum Protokoller.«

Seit 1843 zeichnet der Publizist Ludwig Kalisch für die Zeitschrift »Narrhalla« verantwortlich, später auch für das politische Organ der republikanisch gesinnten Demokraten. Die Narren rufen in Verteidigung der zur französischen Zeit errungenen rheinischen Institutionen wie Agrarreform, Gewerbefreiheit, Trennung von Verwaltung und Justiz die »tanzende Revolution« aus und singen die »Nasseillaise«: »Allons enfants de la folie! Le jour de gloire est arrivé/Auf, ihr Kinder der Narrheit, der Tag des Ruhmes ist gekommen...« 1846 verbrennt man in Mainz eine riesige Puppe, welche die Zensur darstellt. In der Zitadelle residiert nämlich die bundesweite Zensurbehörde des Reiches, die so genannte »Mainzer Kommission«. Auch die beiden Anführer der rheinhessischen Freischar von 1849, die Juristen Franz Zitz und Ludwig Bamberger, waren Fastnachter.

Die so genannten »Märzforderungen« der Revolution von 1848 wurden mitten in der Fastnachtszeit formuliert, am 28. Februar, einen Tag später als in Mannheim und viel früher als in Frankfurt, Wien oder Berlin. Das politische Geschen kulminierte am Aschermittwoch. »Um 8 Uhr Abends war die Stadt ein Lichtermeer und nicht ein Fenster dunkel geblieben. Ein Fackelzug unabsehbar durchzog die Hauptstraßen der Stadt«, kommentiert ein Zeitzeuge. Der Abgeordnete Franz Zitz steigt auf den Theaterbalkon am Gutenbergplatz, berichtet aus der zweiten Kammer des Landtags und trägt kniend ein Gebet an die Freiheit vor: »Die Tausende erhoben Alle die Hand zum Schwur. Eine Rakete stieg in die Lüfte und in diesem Augenblicke stand der Dom in einem Lichtermeer.« Die jahrhundertealte karnevaleske Mischung von Rebellion, Feierlaune und Lachkultur wird in Rheinhessen und der Pfalz beibehalten. Wie im Bauernkrieg führt die militärische Inkonsequenz der Rebe llen zur Niederlage, wie Friedrich Engels knurrend über diese »Schoppenstecher« bemerkt, die als Freischar oft genug zuerst einmal die Schankfreiheit ausriefen und genossen, bevor sie sich auf blutige Gemetzel einließen. Die Frage bleibt bis heute, was länger nachwirkt: das Leben lassen oder das Töten um jeden Preis.

Ende des 19. Jahrhunderts trat die Mainzer Fastnacht dann ihren Siegeszug durch die Provinz an. Bis in die kleinsten Dörfer gründeten sich Vereine und luden zu närrischen Sitzungen ein, wie Hildegard Frieß-Reimann eingehend untersucht hat. Dadurch verschwanden die älteren Bräuche der Heischeumzüge und der »Kerweredd« fast gänzlich. Auch Theaterspielen und Schreiben gingen oft in der Fastnacht auf und die Mundartliteratur hat erst seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in Rheinhessen wieder begonnen, sich auch anderen Themen und Stilarten als der gereimten Humoreske zuzuwenden. Schließlich kommt selbst ein regional bekannter Kabarettist wie Herbert Bonewitz aus der Fastnacht. Die Kritik an der Praxis des »klassenlosen Karneval« ließ ihn letztlich zur Kleinkunstbühne wechseln: »Schon beim Rosenmontagszug fielen mir doch einige Klassenunterschiede auf. Die prunkvollen Komitee-Wagen zum Beispiel, die waren qualitativ er heblich komfortabler ausgestattet. Es gab nicht nur mehr zu essen und zu trinken, man verfügte dort auch über weitaus reichhaltigeres und wertvolleres Wurfmaterial.«

Es ist gut, dass heute die Fastnacht nicht mehr alles und jedes Brauchtum, alles und jedes Talent in Rheinhessen in sich aufsaugt. Dadurch wird das Kulturleben wieder vielfältiger und der Fastnacht bleibt dennoch die ebenso alte wie globale Traditionspflege der verkehrten Welt. Den Ruf rheinhessischer Spottsucht, wie ihn der Volkskundler Wilhelm Hoffmann 1932 formuliert hat, haben die Mainzer Fastnachter jedenfalls über das Fernsehen im gesamten deutschsprachigen Raum verbreitet. Das immerhin wäre beim Regionalmarketing zu berücksichtigen. Und ob das Volk immer »ein Volk« ist oder eher sein benachteiligter oder unterdrückter Teil, ob das Volk immer nur heiter und frei lacht oder auch über blutige Spiele wie im kaiserlichen Rom, ob Häme oder Freude am Spiel dominieren, ob es lieber über sich selbst oder lieber über Fremde lacht - all diese Fragen werden zum Glück auf Jahre hinaus immer wieder Stoff für neue Büttenreden lie fern.

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