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Flüsse und Bäche in Rheinhessen
»Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand kennt«, schreibt Victor Hugo im Vorwort seines Buches »Le rhin. Lettres à un ami«. Er hatte den europäischen Strom und seine Landschaften 1839 von Straßburg nach Basel und 1840 über Speyer und Mainz nach Koblenz befahren. Das war eine große Tour. Viele andere Autoren fassen das Stück zwischen Mainz und Köln ins Auge und verpacken darin den Mittelrhein, andere lassen den von Basel her gedachten Oberrhein in Karlsruhe oder Mannheim, gelegentlich auch in Mainz auslaufen. Rheinhessen liegt dazwischen. Von Worms bis Bingen ist der Fluss breit. Er schlägt einen Bogen um das trockenwarme Hügel- und Tafelland an seinem linken Ufer. Der Rhein entscheidet sich neu, wo er hin will, und er schaut sich in alle Himmelsrichtungen um: den Main hinauf nach Osten und die Nahe hinunter nach Westen. Dann bricht er durch die Berge. In Rheinhessen herrscht also die berühmte Ruhe vor d em Sturm. Der Fluss sammelt sich. Da ist Gelegenheit, Brücken zu schlagen, einmal in Worms und einmal in Mainz, hinüber nach Hessen. Das sind die zwei Namen der Landschaft: Rhein und Hessen. Kein Wort wird über das Linksrheinische verloren.
Die Geologen wissen: Hier war im Tertiär ein Meer. Dessen Buchten und Halbinseln wurden später durchschnitten von Bächen, an deren Hängen die Dörfer und die Weinberge liegen: die Selz, der Wiesbach, die Pfrimm zum Beispiel. Sie entspringen alle rund um den Donnersberg. Insofern hatten die Franzosen keinen schlechten Blick für den Charakter der Region, als sie ihr linksrheinisches Departement um 1800 »Mont-Tonnere« (Donnersberg) nannten und Mainz zur Hauptstadt machten. Sie folgten damit galloromanischer Tradition: Die Kelten bauten ihr zentrales »Oppidum« auf dem Donnersberg, die Römer machten Moguntia zur Provinzhauptstadt.
Durch das Hessische sind diese Zusammenhänge zerrissen und dafür die Brücken ins Rechtsrheinische belebt worden. So gibt es einen Selztalradweg, der im pfälzischen Orbis bei Kirchheimbolanden beginnt und in Ingelheim endet. Er ist durchgehend ausgebaut und führt durch reizvolle Landschaft wie den Hahnheimer Bruch oder das »Obstbaumtal« von Schwabenheim. So kann man die Selz von der Quelle bis zur Mündung erleben. Das wusste schon Alexandre Dumas und beschrieb es in seinem Roman »Joseph Balsamo«: »Am linken Ufer des Rheins, einige Meilen von der Kaiserstadt Worms entfernt, beginnen etwa in der Gegend, wo das kleine Flüsschen Selz entspringt, die Ketten mehrerer Berge, deren Rücken wie eine Herde aufgescheuchter Büffel nach Norden zu fliehen scheinen. Der höchste, der am weitesten in den Himmel aufragt und dessen granitene Stirn ein Kranz von Ruinen krönt, ist der Donnersberg.«
Im 16. Jahrhundert wurde das Zisterzienserinnenkloster Weidas bei Alzey-Dautenheim aufgelöst. Seine Steine wurden im Alzeyer Renaissance-Rathaus am Fischmarkt verbaut. Ein Gedenkstein im Tal des Weidasser Baches erinnert an das Kloster. Aber in Dautenheim hat man noch mehr aus dieser Geschichte gemacht. Ein Mühlenwanderweg führt zu den vier Mühlen des kleinen Bachtals unter der großen Autobahnbrücke; mittendrin liegt ein historischer Bauerngarten mit über 70 Pflanzen, die nach den Planungen Karls des Großen im »Capitulum villare« (813) ausgewählt wurden. Dazu kommen ein Vogellehrpfad mit Beobachtungsstand, an dem man frühmorgens mehr als 60 Arten hören kann und ein Weinwanderweg. Wer mehr über Mühlen erfahren will, kann sich im Internet immer aktuell unter www.muehlen-deutschland.de informieren.
Über die Seebachmühlen zwischen Westhofen und Eich ist 2003 sogar ein eigener Führer als Band 1 einer geplanten Reihe im Ingelheimer Leinpfad-Verlag erschienen. Brigitte Kazernwadel beschreibt die 20 Mühlen des frisch beschilderten Mühlenpfades detailiert. Aus der Steinmühle in der Osthofener Hasengasse stammt der Komponist Wendelin Weißheimer. 1862 besuchte ihn Richard Wagner, aber auch Franz Liszt und Ferdinand Lasalle genossen den Wein im heute noch erhaltenen Gartenhäuschen.
Zu einem Mühlentag lädt einmal im Jahr die Geistermühle am Wiesbach ein, die man auf einer idyllischen Straße von Flonheim-Uffhofen nach Wendelsheim erreicht. Die Wasserkraft wird im heute dort ansässigen Weingut zur Stromerzeugung genutzt. Und es werden Führungen angeboten, auch ins nahe Aulheimer Tälchen mit seinen subtropischen Steppenpflanzen. Hier sind auch die Spitzdächer der weiß gekalkten Trulli zuhaus. Alles das vermittelt einen mediterranen Eindruck. Die bergige und bewaldete Landschaft dagegen, die genau hier beginnt und sich weiter in den Pfälzer Wald hinüberzieht, hat dem oberen Wiesbachtal , ebenso wie dem benachbarten Appelbachtal, den Namen »Rheinhessische Schweiz« gegeben. Infos und Karten gibt es beim Zweckverband »Erholungsgebiet Rheinhessische Schweiz« unter www.woellstein.de.
Zurück zum Rhein. Heinz-Egon Rösch hat in seinem gerade erst erschienenen Rad- und Wanderführer »Rheinhessen auf historischen Wegen« den linskrheinischen Leinpfad als Wanderweg von Mainz nach Bingen und von Mainz nach Nierstein beschrieben. Beide Strecken laufen am Mitte des 19. Jahrhunderts begradigten Rhein entlang und bieten - vor allem bei Bingen-Gaulsheim - doch schöne Einblicke in die Natur, hier in das Europareservat Rheinauen, wo der NABU ein Bildungszentrum betreibt und mit Tafeln über die ökologische Vielfalt dieses Restes an wenig berührter Natur informiert.
Die verlandeten Altrheinarme, frühere Mäanderschleifern des breit sich dahin windenden Stroms, die sich heute mit dem Kühkopf rechtsrheinisch (gegenüber Guntersblum und Gimbsheim) und mit dem Eicher Altrhein linskrheinisch finden, waren es auch, die den in Nackenheim geborenen Schriftsteller Carl Zuckmayer besonders faszinierten. In seiner Autobiografie »Als wär's ein Stück von mir« schreibt er: »Hier war unser Ontario, mit seinen heimtückischen Stromschnellen, die kaum der Delaware im schmalen Rindenkanu bewältigen kann, hier die trüben, gelb gurgelnden Fluten des Amazonas, hier die Moraste, Untiefen, Krokodile und Moskitoschwärme des oberen Kongo. Hier waren wir Forscher und Eingeborene, Wild und Jäger, Entdecker und Menschenfresser zugleich... Der Altrhein - das ist der Rheinstrom der Jungen, der Aufgeweckten, der Hellen, der Unpolitischen. Er hat keine Geschichte, es gibt keine Zitate und Lieder über ihn, seinetwegen wurde kein Krieg geführt, er spielte keine Rolle in Versailles und erst recht nicht in Potsdam, seine Anwohner haben keine Belange, und Europas Mutterauge gleitet sorglos über ihn hinweg. Fische laichen dort ab, und viele Wildenten, auch Reiher, horsten in seinem Röhricht. Die Kinder kennen ihn gut und lieben ihn.«(S. 112/113)
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- Der Rhein bei Nierstein

- Die Seebachmühle in Westhofen

- Die Seebachquelle in Westhofen

- Die Geistermühle in Flonheim-Uffhofen