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»Der Ball klebte im Netz« - Fußball in Rheinhessen

»Hallo, was ist das, Garcia hat das Leder seinem Linksaußen Rossi hinausgeschlagen, der kleine Kerl läuft los, als wäre ein Jaguar hinter ihm her oder ein Indianer hätte ihm einen Giftpfeil in den Rücken geblasen. Da rennt er die Linie herauf, ich bedauere Sie, meine Hörer, und Sie, meine reizenden Damen, dass Sie nicht dabei sein können, um zu bewundern, wie federleicht er dahinläuft, nein, was sage ich: dahinschwebt, aber - ja, was ist denn los, ist dieser neue Mann mit der Mütze auf dem Kopf, ist denn dieser Aguirre ein zweiter Jesse Owens, er läuft, er läuft, es sieht gar nicht so schnell aus, aber seine hageren Spinnenbeine fressen den Raum, er hat Rossi eingeholt, es entwickelt sich ein Zweikampf, wild will der Kleine den Ball weiterbringen, aber er verheddert sich jetzt doch - ja, Teufel, Aguirre ist Sieger geblieben, er zieht fort mit dem Leder und schickt es zu Pedro, dem Mittelläufer.«

Was sich anhört wie eine Radioreportage, ist ein Text aus dem 1949 erschienenen Sportroman »Der Mann ohne Gnade« von Richard Kirn. Der Autor, 1905 in Worms geboren, arbeitete ab 1927 als Redakteur für die Wormser Volkszeitung und ab 1934 für die Frankfurter Neue Presse und den Kicker. 1964 erschien sein berühmtes Buch über die Olympiade in Tokio unter dem Titel »Die lächelnde Olympiade«. Kirn war nicht nur ein anerkannter Sportreporter, sondern auch ein begabter Glossenschreiber und Feuilletonist. In den zwanziger Jahren hat er den Sprachstil der lokalen Sportreportagen revolutioniert, durch Beschleunigung und farbige Bilder. Als Kirn nach 1945 in seine Heimatstadt zurückkehrt, erinnert sich ein Jugendfreund nicht an seine Theaterkritiken, an sein Interview mit dem Hellseher Hanussen oder die Reportagen über Mordprozesse, sondern an den Satz einer Reportage von einem Heimspiel der Wormatia: »Der Ball klebte im Netz«. Er prägte auch das Schlagwort von der »Wormser Schießbude« und meinte damit den Sturm von Wormatia Worms, der das Team des 1908 gegründeten Vereins zwischen 1928 und 1931 viermal den Meistertitel der Hessenliga erringen ließ. Man spielte damals mit Vereinen wie dem 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, Bayern München, Eintracht Frankfurt, Kickers Stuttgart und Waldhof Mannheim um die süddeutsche Meisterschaft. Solche Spiele brachten über 20.000 Zuschauer ins Wormser Stadion an der Alzeyer Straße. Einer der »Schießbuden«-Akteure, Willi Winkler (1903-1967) spielte 1928 in der Nationalelf gegen Norwegen. 1933 kam Seppl Fath (1911-1985) von Olympia Worms zur Wormatia. Der Linksaußen wurde von Dr. Otto Nerz, dem Vorgänger Herbergers, siebenmal in die Nationalelf berufen und schoss dort insgesamt sieben Tore. Am 23. Februar 1936, beim Spiel gegen die Spanier in Barcelona, versenkte er den Ball gegen den damals weltbesten Torhüter Ricardo Zamora gleich zweimal im Netz; Deutschland gewann das Spiel 2:1. Mit Jakob Eckert (1916-1946) hatte Wormatia noch einen weiteren Nationalstürmer, der 1937 gegen die Schweiz aufgeboten wurde.

Derbycharakter - auch mit den schon damals üblichen »Straßenkämpfen« in der dritten Halbzeit, vor allem auf dem Weg zum jeweiligen Hauptbahnhof - hatten die Begegnungen der Wormatia mit Mainz 05. Die Mainzer wurden 1920, 1931 und 1932 Hessenmeister. Ein legendäres Spiel lieferten sie am 20. März 1927 dem späteren Deutschen Meister 1. FC Nürnberg, der mit zehn Nationalspielern antrat, mit einem 3:3-Unentschieden (Halbzeitstand: 3:1 für Mainz). Aus Nürnberg, wenn auch nicht vom 1. FC, sondern vom Allgemeinen Sportverein kam Karl Scherm (1904-1977), genannt »Der Gaukler« nach Mainz. Der zweifache Nationalspieler (1926) schoss zwischen 1931 und 1934 als linker Halbstürmer 77 Tore. Die Nullfünfer spielten damals im vereinseigenen Stadion »Fort Bingen« (rund 500 Meter südlich des heutigen Bruchwegstadions auf dem heutigen Universitätsgelände). Mit dem aus Kreuznach stammenden Abwehrchef Manuel Friedrich haben die seit 2004 in der ersten Bundesliga beheimateten Rheinhessen, die mit Trainer Jürgen Klopp selbstironisch als stimmungsvoller »Karnevalsverein« Karriere machen, wieder einen aktuellen Kandidaten für die Nationalmannschaft.

Der Hamburger Torhüter Rudi Kargus (1971 bis 1980 beim HSV) stammt übrigens aus Worms. Er wechselte bereits als A-Jugendlicher in den Norden. 1975 gegen die Türkei wurde er erstmals in die Nationalelf berufen; bei der WM in Argentinien 1978 war er die Nummer Zwei hinter Sepp Maier. Kargus setzt ein wenig die Tradition von Richard Kirn fort, der Sport und Kultur miteinander verbinden konnte, allerdings nicht als Schriftsteller, sondern als Maler. Vom 1. Juni bis zum 10. Juli diesen Jahres zeigt er bei der Stiftung »Rickmer Rickmers« an den St. Pauli Landungsbrücken anlässlich der WM dreißig Ölgemälde zum Thema Fußball.

Und auch aus dem Mainzer Karnevalverein mit seiner Hymne auf die Beatlesmelodie vom gelben U-Boot hat sich nicht nur Fankultur, sondern auch Fußball-Mundart-Comedy entwickelt. Sven Hieronymus von der Band »Se Bummtschacks« hat aus seinen Kolumnen für die Allgemeine Zeitung nicht nur ein Buch, sondern unter dem Titel »Ich geh nimmer nuff!« auch ein Kleinkunstprogramm gebastelt, das 2006 im »unterhaus« Premiere hatte. Und im Leinpfad-Verlag ist unter dem Titel »Elli oder Pit oder: Wer ist der beste Torhüter von Mainz 05?« ein Kinderbuch zum regionalen Fußballkult erschienen. Und das alles geht, obwohl es, vor allem im südlichen Rheinhessen, bestimmt genauso viele eingefleischte Lautern-Fans gibt. Derbys mit Frankfurt und Kaiserslautern beleben die Sport- und Medienlandschaft. Was aber bisher nur die Nullfünfer geschafft haben: Dass die Sportreporter in allen Programmen auch von den »Rheinhessen« reden und nicht mehr alle überregional wirksamen Personen aus Rheinland-Pfalz als »Pfälzer« apostrophieren, wie noch bei Rudolf Scharping üblich. Schon allein deshalb ist es wünschenswert, möglichst bald in der ersten Liga wieder gegen die roten Teufel vom Betzenberg antreten zu können.

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