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Gärten und Parks in Rheinhessen
Die Weinlandschaft rund um Worms heißt Wonnegau. Friedrich Zorn, Rektor der Stadtschule, sagt dazu in seiner 1570 abgeschlossenen Chronik, der Name komme »von wegen der fruchtbarkeit des landes, die weil alles so der mensch zu erhaltung dieses lebens von nöthen hat durch gottes segen in diesem revier häufig zu bekommen vornämlich an gutem Wein und schönem getraid, denn Wunn in unser sprach ebensoviel ist als lust, freud und fülle, und daher haben unsere alten deutschen poeten ursach genommen, viel von dem schönen lustigen rosengarten und Weingau oder Fruchtgau zu dichten.« Auch in den mittelalterlichen Kaiserchroniken wird mehrfach erwähnt, dass man die Reichstage auch deswegen gerne in Mainz oder Worms abhielt, weil es hier einen Überfluss an Wein, Fisch und Wild gab. Kein Wunder also, dass der Dichter des Nibelungenliedes von einem Hoffest der Burgunder in Worms berichtet: »Außer- und innerhalb der Burg verpflegte man die Gä ste. Ja, niemals sind Fremde besser behandelt worden. Alles, was sie wünschten, das gab man ihnen bereitwillig. Der König war so wohlhabend, dass niemandem etwas abgeschlagen wurde.« (Strophe 801) Der Garten Eden, das Paradies, stand Vorbild für solch schwelgerische Fantasien. Gastfreundschaft folgte aus der Fülle und kann heute noch Leitbild sein für Interkultur und Tourismus: Kulturelle Begegnung, lebendiges Denken und Wellness könnten aus derselben Quelle schöpfen. Auch die Dichter der Moderne haben das aufgegriffen, ob Elisabeth Langgässer, Anna Seghers, Georg K. Glaser oder Carl Zuckmayer - sie alle haben das schöpferische Element in dieser trockenwarmen Landschaft am Rhein gespürt und in poetischen Bildern beschrieben:
Grüne Wolken in dem Garten,
unbestimmtes Licht,
das wie flüstern durch die Scharten
einer Blätterburg mit zarten,
windbewegten Wänden bricht.
Fülle ruht in ihrer Fülle,
Blätter ungezählt.
Frucht ist Blüte, Herz ist Hülle.
All in einem: schwill und quille
Schoß, verschlossen und vermählt!
In dem wilden Wuchs der Tage
ausgeplanter Ort,
Narde, brich! Rapunzels Klage
salbe zu versunkner Sage,
Schuld und Schicksal dufte fort! .
»Mystischer Frühling« hat die Langgässer dieses 1947 veröffentlichte Gedicht genannt, aus dem hier drei Strophen zitiert sind. Und die Fülle triebt hier auf ihr Gegenbild zu: das Übermaß, den Untergang, den Tod und die Leere - ganz wie im Nibelungenlied.
Die Fürsten, die sich hier ihre Schlösser bauten, griffen diese aus der Landschaft erwachsenen Gartenphantasien immer wieder auf und gestalteten sie gegen das Vergehen.
Den Herrnsheimer Schlosspark zum Beispiel von den Dalbergern beim berühmten Gartenarchitekten Friedrich Ludwig Sckell in Auftrag gegeben. 1792, mitten in den Wirren der französischen Revolution, plante und baute er am nördlichen Stadtrand von Worms einen englischen Garten mit weiten Wiesen, hohen Bäumen, Teichen und Bachläufen und der Rousseauinsel. Am südlichen Stadtrand von Mainz stand das Schloss »Favorite«, das den Erzbischöfen als »Hauptsommerbelustigung« diente. Vom barocken Schlossgarten schreibt ein Zeitgenosse: »In der Mitte dieser Alleen und Heckengänge steht ein Gebäude, welches zum Konzert- und Spielsaale einzig bestimmt ist... etwas weiter hinein erhebt sich der Garten vom Ufer des Rheins allgemach in Terrassen hinaus, die immer das Auge mit künstlichen Springbrunnen, Statuen, Orangerien und vielfarbigen Blumenbeeten unterhalten.« (Mainzer Stadtgeschichte, S. 298) Bei der Belagerung der von französisch en Revolutionstruppen besetzten Stadt durch die Preußen wurde die »Favorite« zerstört, aber noch immer gibt es im Süden von Mainz mit dem Volkspark ein schönes Parkgelände. Die Bürger haben hier - wie in Herrnsheim - das Regiment übernommen und die Gartenanlagen stehen allen offen.
Aber auch die Bauern in den rheinhessischen Dörfern haben nicht nur Nutzgärten angelegt, sondern - je nach Platz und Geldbeutel - auch großzügige Gärten geschaffen, die der Öffentlichkeit allerdings bis zur Jahrhundertwende weitgehend vorenthalten blieben. Der Tourismus und die Direktvermarktung des Weins haben aber auch hier die Hof - und Gartentore geöffnet. Und so laden die Rheinhessen-Information und die IG rheinhessischer Gartenführerinnen zum Beispiel am 19. und 20. Juni 2004 zu Tagen der offenen Gärten und Höfe in sechzehn Orten an der Rheinterrasse zwischen Alsheim und Lörzweiler sowie im mittleren Selztal zwischen Schornsheim und Selzen ein (Information über www.rheinhessen-info.de oder Tel: 06132/4417-0). Außerdem werden Gruppentouren angeboten, bei denen vom englischen Park bis zum traditionellen Bauerngarten alles gezeigt wird, was das Herz des Gartenfreundes begehrt. Bis in den September hinein kann man sich auch zu wöchentlichen Führungen an festen Tagen anmelden. Am 12. Juni wird zum Beispiel die Rosenvielfalt im seit 1810 bestehenden historischen Garten des Weinguts Orb (Westhofen) besucht. Am 10. Juli steht ein Garten mit Pflanzen aus dem »Capitulare de Villis« Karls des Großen auf dem Programm, der in Alzey-Dautenheim anglegt wurde. Den Kneipp-Gesundheitsgarten des Weinguts Bauer-Schwab in Bechenheim kann man am 21. August sehen, einen historischen Mühlengarten im Weingut Zimlich-Müller (Flonheim-Uffhofen) am 4. September und am 11. September dann das Arboretum in Wöllstein. Darüber hinaus werden auch Garten- und Kräuterseminare angeboten und natürlich auch allerhand kulinarische Köstlichkeiten aus der regionalen Küche. Der »Gartensommer 2004« nimmt die Kultur und Geschichte Rheinhessens auf und serviert beides, neu inszeniert. Nur die Poesie bleibt dem Besuch er allein überlassen: Dichtergärten und Wortdickichte müssen in dieser fruchtbaren und dennoch nüchternen Landschaft - wie sie Carl Zuckmayer einmal skizziert hat - wohl erst noch gepflanzt werden.
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