Inhalt
Geschichte Rheinhessens
Rheinhessen ist als politisches Gebilde eine relativ junge Region und wurde 1816 nach dem Wiener Kongress als linksrheinische Provinz des Großherzogtums Hessen (Residenz in Darmstadt) am grünen Tisch geschaffen.
Zuvor gehörte die Region im Rheinknie als nördlicher Teil des »Département» Mont-Tonnere (Donnersberg) etwa zwanzig Jahre zum Frankreich der Revolutionszeit. Das prägte die politische und kulturelle Identität. Die rheinhessische Gesellschaft weigerte sich, die Errungenschaften der französischen Zeit (Umverteilung kirchlichen und feudalen Eigentums, Gewerbefreiheit, Bürgerrechte, Geschworenengerichte etc.) wieder aufzugeben und wurde daher - gemeinsam mit der ähnlich strukturierten Pfalz - ein Zentrum der demokratischen Revolution von 1848. Nach der Niederlage 1849 verlor die Region an politisch-kultureller Identität und passte sich zunehmend der nationalen Perspektive an.
Gleichzeitig wuchs andererseits das Regionalbewusstsein, ohne allerdings - wie in der ab 1816 zu Bayern gehörenden Pfalz - Bezirksinstitutionen ausbilden zu können. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war zudem geprägt von einer prosperierenden Wirtschaft. Vor allem ab 1880 investierte der Staat in starkem Maß in die kommunale und regionale Infrastruktur.
Zur Hundertjahrfeier am 8. Juli 1916 erschien in Mainz eine Festschrift mit Beiträgen aus der Feder von Heinrich Bechtolsheimer, Julius Reinhard Dieterich und Kurt Strecker. Ihr vorangestellt waren ein Erlass des Großherzog Ernst Ludwig sowie eine Huldigungsadresse der Provinz. Im Erlass heisst es: »Der Rhein, so lange Grenze und Schranke zwischen den Gauen und seinem rechten und linken Ufer, verknüpft heute enge das von Ludewig I. erworbene Neuhessen mit den alten Stammlanden Meines Hauses. Die stolzen, unter Meiner Regierung erbauten Rheinbrücken, sind Wahrzeichen des wachsenden Verkehrs und Wohlstandes wie des immer inniger gestalteten Zusammenhaltens der hessischen Provinzen.«
Die Weltkriegssituation beeinflusste die Hundertjahrfeier. In der Vorrede zur Festschrift heißt es: »Wir gedachten, diesen Tag in der ganzen Provinz, in den volkreichen Städten und in den abgelegenen Landgemeinden, in gebührender Weise zu feiern. Der Weltkrieg, der nun zwei Jahre andauert, ließ diese Absicht nicht zur Ausführung kommen. Wir haben den rheinhessischen Jubiläumstag in sehr schlichter Form gefeiert. In einer Sitzung des rheinhessischen Provinzialtages, die am 8. Juli zu Mainz stattfand und in der der im vorstehenden mitgeteilte Erlaß unseres Landesfürsten zur Verlesung kam, haben wir der hundertjährigen Zugehörigkeit der Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen gedacht. Die rheinhessischen Schulen haben eine einfache Gedenkfeier veranstaltet, und Sonntag, den 9. Juli, hat man in den Kirchen beiderseits des Rheins der Neugestaltung gedacht.«
Nach der Auflösung des Großherzogtums zwei Jahre später kam Rheinhessen zum Volksstaat Hessen, der bis 1945 Bestand hatte.
Mit der Gründung des neuen Landes Rheinland-Pfalz 1946 wurde die Region einer der fünf neuen Regierungsbezirke. Das Gebiet veränderte sich bei der Gebietsreform 1968 leicht: Das pfälzische Mauchenheim kam dazu, Ippesheim und Planig kamen zur Stadt Bad Kreuznach. Die Regierungsbezirke Rheinhessen und Pfalz wurden zusammengelegt, die Bezirksregierung wechselte von Mainz nach Neustadt. Mit der Auflösung der Regierungsbezirke im Jahre 2000 endete auch die Geschichte Rheinhessens als politische Einheit. Der Regionalbegriff blieb dagegen erhalten in den ökonomisch orientierten Organisationen wie Rheinhessenwein, Rheinhessen-Information (Touristik) und Rheinhessen-Marketing sowie bei IHK und Handwerkskammer. Mit Rheinhessen-Kultur ist seit einiger Zeit ein weiteres Netzwerk hinzugekommen.
Im zuletzt skizzierten organisatorischen Rahmen wird angestrebt, im Jahre 2016 eine Zweihundertjahrfeier Rheinhessens zu begehen. Ziel ist dabei nicht die Feier des neuhessischen Erwerbs, wie 1916 ausgeführt, sondern die Gestaltung regionaler Identität nach innen und nach außen.
Historisch geht es dabei natürlich um die möglichst auf Dauer angelegte Aufarbeitung und Gestaltung der regionalen Geschichte seit 1816, kulturell geht es um die Beschreibung der Identität, in die dann natürlich auch die ältere Geschichte der Region einfließen muß, sowie um die Vernetzung der dezentralen Aktivitäten. Wirtschaftlich geht es um einen deutlichen Impuls zum Regionalmarketing.
Die Debatte um die politische Struktur Rheinhessens wird in den dafür zuständigen Gremien geführt.
Fragen der Identität
Das römisch-germanische Grenzland, das im hohen Mittelalter zu Königsland wurde, also vom Rand ins Zentrum des politischen Geschehens bei den Saliern und Staufern rückte, war genau deswegen auch prädestiniert als Zankapfel wechselnder Herrschaften. Es wurde immer wieder geteilt und zerstückelt, kennt früh Formen des Gemeinbesitzes wie die Ganerbschaften. Später wurde es zum Grenzland und Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, vielfach von Kriegen zerstört.
Die günstige Lage am Rhein, der über Jahrhunderte als europäischer Handelsweg zwischen Schweiz und den Niederlanden diente, die Neubesiedlungen nach den furchtbaren Kriegen des 17. Jahrhunderts, vor allem aus der Schweiz und den Niederlanden und vom Niederrhein sowie die Multikonfessionalität nach der Reformation mit Simultankirchen und Rathauskapellen an vielen Orten zeigen eine lange Tradition von Akkulturationserfahrungen, in denen Eigenes und Fremdes sich mischen, abfärben, ja Identitäten neu gebaut werden müssen.
Die Realerbteilung, die das Gleichheitsgefühl in den Familien begünstigte, aber das Land in Kleinstparzellen zerstückelte, führte ebenso wie die bereits erwähnte feudale Zergliederung dazu, dass sich - anders als in den Herzogtümern am Rand des Reiches wie in Bayern oder in den neuen rechtsrheinisch orientierten Staaten wie der Kurpfalz - kein klares Zentrum herausbildete. Stadt und Land blieben politisch unverbunden (siehe Mainz und Worms), die Residenzen der Kurpfalz entstanden mit Heidelberg und Mannheim am anderen Rheinufer, der erzbischöfliche Mainzer Landbesitz lag überwiegend rechtsrheinisch.
Es behauptete sich eine dezentrale Struktur, die in der Revolutionszeit sogar weiter ausgebaut wurde: Der Einfluss der gewählten Bürgermeister wurde gegen übergeordnete Kreis-Strukturen, die Darmstadt einführte, energisch verteidigt. Dadurch entstanden - anders als im preußischen Rheinland und in der bayrischen Rheinpfalz - auch keine tragfähigen Bezirks-Strukturen.
Die Genossenschaften blieben lange klein und ortsgebunden; die Bildung der Verbandsgemeinden Ende der 60er Jahre blieb das kritisch beäugte Äußerste an Kooperation, was möglich war.
Die politische Niederlage von 1849 führte über Emigration und Ent-Täuschung dazu, dass das sich Durchschlagen zwischen den Zentren, das ökonomische Überleben, das Nicht-Festlegen auf eine Identität, das sich am Nutzen Orientieren die Mentalität prägte. Bereits die Niederlage der hochmittelalterlichen Städtekultur am Oberrhein gegenüber den sich herausbildenden Territorialstaaten hatte ein verwandtes Erfahrungsmuster geliefert.
Schließlich irritiert bis heute der Name der Region: Hessen liegt rechtsrheinisch, linksrheinisch liegen Rheinland und Pfalz. Außerhalb kann man Rheinhessen daher schwer verorten.
Es ist daher notwendig, die oben beschriebene politisch-kulturelle Mentalität Rheinhessens als Identitätskern bewusst zu machen und - daraus folgend - gemeinsam finanzierte Bezirks- Strukturen von unten aufzubauen, die sich am Netzwerkgedanken und nicht an hierarchischen Konzepten orientieren. Die reiche Geschichte und Kultur vor Ort muß auf diese Art mit dem Regionalbegriff verbunden werden. Nur so kann die Region Rheinhessen im globalen Wettbewerb Profil gewinnen und prosperieren.
Die Offenheit der Landschaft widerspricht dieser Strategie nicht, sondern ermöglicht im Gegenteil einen eigenständigen Beitrag zu übergeordneten wie überlappenden Regionalstrukturen wie Rheinland-Pfalz, Rhein-Main und Rhein-Neckar.
Weitere Hinweise zur Regional- und Lokalgeschichte finden Sie auf der Internetseite des Instituts für Geschichtliche Landeskunde.
Inhalt Marginalspalte rechts