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Gotik in Rheinhessen - Historisches und Hintergründe

Kath. Pfarrkirche St. Josef, Freimersheim. Gewölbekonsole im Chor.

Rheinhessen hat viele Gesichter

Das von Nahe und Rhein begrenzte Gebiet zwischen Bingen, Ingelheim, Mainz, Alzey und Worms geht auf das von den Franzosen 1798 eingerichtete Département du Mont-Tonnerre (Donnersberg) zurück. Nach dem Wiener Kongreß 1815 fiel es an das Großherzogtum Hessen und wurde unter der Bezeichnung “Rheinhessen” als Verwaltungseinheit zusammengefasst. Heute umfasst es neben den Städten Mainz und Worms die Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms. Neben der berühmten Oppenheimer Katharinenkirche, die als schönster gotischer Bau zwischen Straßburg und Köln gepriesen wird, gibt es hier eine erstaunlich große Anzahl von gotischen Kirchen, zum Teil von überragender Qualität. Zudem haben sich auch viele hervorragende Ausstattungsstücke, Bildwerke, Grabmäler, Wand- und Glasmalereien erhalten. Mit dem Chor der ehem. Templerkapelle in Iben (um 1240) findet sich ein frühes und wichtiges Beispiel für die Übernahme des aus Frankreich kommenden gotischen Baustils in Rheinhessen.

Ehem. Burg- und Templerkapelle, Fürfeld. Blattkapitell.

Ein neuer Baustil aus Frankreich

Mitte des 12. Jahrhunderts in der Ile-de-France entstanden (Chor der Abteikirche St. Denis) hielt die Gotik etwa ab 1230 auch in Deutschland und in ganz West- und Mitteleuropa Einzug. Die Marburger Elisabethkirche und die Trierer Liebfrauenkirche stellen die frühesten deutschen Beispiele in der Baukunst dar. Das charakteristische Bauornament der Gotik ist das Maßwerk, das aus den vielfältigen Variationen des Zirkelschlags konstruiert wird. Der Phase der Früh- und Hochgotik folgt ab etwa 1350 die Spätgotik. Um 1400 bildet der sogenannte “Weiche Stil” (oder auch “internationale Gotik”) einen Höhepunkt innerhalb der Spätgotik. In dieser Zeit sind am Mittelrhein besonders qualitätvolle Skulpturen aus Ton zu finden. Erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird der gotische Stil langsam von der Renaissance abgelöst. Teilweise hält man aber noch länger an ihm fest, wie in Rheinhessen das Beispiel der Klausenkapelle bei Abenheim (1572) zeigt.

Kath. Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, Undenheim. Chorgewölbe.

Vielfalt der Gotik

Die abwechslungsreiche hügelige Landschaft Rheinhessens, die durch den Rhein und den Weinbau geprägt ist, überrascht immer wieder mit neuen und ungewohnten Ausblicken. Ebenso unterschiedlich präsentieren sich die Kirchenbauten mit ihrer Ausstattung. Auch sie zeugen davon, dass Rheinhessen viele Facetten hat. Das Gebiet bildet im Mittelalter keine politische Einheit und liegt im Einflussbereich unterschiedlichster künstlerischer Strömungen, so dass es nicht zur Ausbildung eines landschaftstypischen Stils gekommen ist. Vielmehr lassen die verschieden geschulten Künstler unter den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten charakteristische Kunstwerke entstehen. Neben der theologischen, ortsgeschichtlichen und kunsthistorischen Bedeutung der Kirchenbauten kann man auch andere Aspekte entdecken. So bieten die Kirchtürme zahlreichen Vögeln einen Lebensraum, wofür sie teilweise vom Naturschutzbund ausgezeichnet wurden.

Namenlose Meister

Die meisten Künstler des Mittelalters sind nicht namentlich überliefert. Oft werden sie mit Notnamen belegt, wie der “Naumburger Meister”, in dessen Umkreis die Ibener Kapelle gehört. Erst mit der Spätgotik sind die Namen der Künstler und Baumeister häufiger überliefert. Unter den Baumeistern ist Jacob von Landshut zu nennen, der später die Straßburger Münsterbauhütte leitete. Bauleute aus seinem Gefolge haben noch an vielen rheinhessischen Kirchenbauten mitgewirkt. Mit mehreren Bauten sind außerdem Madern Gerthener, Johann von Diepach und Nikolaus Eseler vertreten. Unter den Schnitzern ragt Erhart Valckener hervor, der seine Kirchenbänke selbstbewußt signiert hat. Die Bildschnitzer wiederum sind namentlich nur schwer zu fassen, aber mit herausragenden Arbeiten vertreten, wie der “Meister mit dem Brustlatz” oder der Kreis um Hans Backoffen. Aus den erfreulich vielen Kunstwerken in Rheinhessen, die der bedeutenden europäischen Epoche der Gotik angehören, soll im folgenden eine Auswahl von 44 Kirchen, darunter 18 Marienfiguren vorgestellt werden.

Dr. Luzie Bratner

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