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Liebfrauenland - Gotik in Rheinhessen
Rheinhessen und die Poesie von “Brot und Wein”
Frauen sind nicht nur liebe Frauen. Sind nicht nur Frauen. Aber der Name “Liebfrauenland” für das kulturtouristische Netzwerk “Gotik in Rheinhessen” erinnert nicht nur an eine traditionsreiche Weinlage um die spätgotische Wormser Liebfrauchenkirche, die dabei ist, ihr altes Ansehen zurück zu gewinnen, sondern auch an eine vergessene und übersehene Eigenschaft dieser Landschaft: Sanfte Hügel, weiter Blick, fruchtbares Land, in dem Milch und Honig fließen. Das wussten schon die Stauferkaiser, die auch deshalb hier besonders viele Reichstage abhielten.
Die Mariengestalt ist wie ihr Christussohn Ausdruck einer hintergründigen Botschaft. Sie ist Mutter und Jungfrau zugleich wie ihr Sohn Mensch und Gott zugleich ist. Dieser Widerspruch erzeugt den besonderen Schein dieser Figuren und macht sich daher auch nur in der Welt symbolischer Formen verständlich. Durch das Mutterbild scheint die Utopie der Geborgenheit, des vorbehaltlosen Angenommenseins, und durch das Sohnesbild die Hoffnung auf Erlösung in einem neuen Menschsein. In der Gotik werden die Gesichtszüge beider Figuren irdischer. Leiden und Schmerz machen individuell und konturieren die Lieblichkeit mit Ecken und Kanten.
Der Name “Liebfrauenland” rührt also auch an ein ästhetisches Potenzial Rheinhessens, das bisher umgangen oder verschleudert wurde, aus Scham, aus Pragmatismus, aus Geschäftssinn, aus mangelndem Qualitätsbewusstsein. “Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen, immer quillend und frisch rauschen an duftendem Beet.” So beschreibt Hölderlin in seinem berühmtem Gedicht “Brot und Wein” ein Landschaftsmoment seiner Sehnsucht. Und eine solche Gartenlandschaft kann Rheinhessen sein, wenn die liebe Frau neben den spöttischen Narren und den nüchternen Handarbeiter tritt. Ein solches Dreiergespann bringt Zukunft in die Provinz links des Rheins, schafft begründetes Selbstbewusstsein und öffnet Türen für das, was die Menschen in diesem Jahrhundert suchen: Den Sinn des Lebens.
Volker Gallé
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