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Im Namen der Rose

»Einen Rosengarten hatte/die wunderschöne Maid/von einer Meilen Länge/eine halbe war er breit.« Die Wormser würden sich heute freuen, wenn es diesen Rosengarten am Rheinufer noch gäbe. Dann bräuchten sie keine Landesgartenschau zu planen. Das Rosengartenlied aus dem 13. Jahrhundert, aus dem der von dem Rheinromantiker Karl Simrock übersetzte Vers stammt, verknüpft Motive von Nibelungenlied und Dietrichsepik. Der Burgunderkönig Gibich und seine Tochter Kriemhild waren die Besitzer des Rosengartens, der von zwölf Rittern, darunter Siegfried, bewacht wurde. Ein bisschen denkt man da an das märchenhafte Dornröschen. Sie waren bereit, sich dem zu unterwerfen, der die Zwölf besiegte. Es gelang Etzel, dem Hunnenkönig Attila, und Dietrich von Bern, dem Ostgotenkönig Theoderich. Ob seitdem der Grauburgunder auch nach Rosen riechen kann? Das wäre eine weitere Sage. Als Aroma jedenfalls kommt der Rosenduft bei sensorischen We inprüfungen heute u.a. beim Grauburgunder vor, vor allem aber beim Gewürztraminer.

In Worms hat man sich 1904 des Rosengartenlieds entsonnen und ein Rosenfest ins Leben gerufen. Viermal hat man das gefeiert und dabei auch einen Wettbewerb ausgeschrieben für einen neuen Rosengarten, an dem berühmte Architekten wie Bruno Taut teilgenommen haben. Aber die Pläne wurden nicht umgesetzt, aus Geldmangel. Rosenschauen aber blieben in Rheinhessen in Mode, so bei der Jahrtausendfeier des Rheinlands 1925 im Mainzer Volkspark. 1973 wurde Bornheim als »Dorf der Rosen und des Weins« Bundessieger beim Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden«. Und heute noch empfiehlt Hans-Jörg Koch die Rosenblüte im Juni unterhalb der Oswaldhöhe für einen Erlebnisausflug.

Aber es sind weniger die Parkrosen, die man heute überall in Rheinhessen findet, sondern eher die Heckenrosen, auch Hagebutten genannt. An den Wegrändern wachsen sie buschweise. Dass man die Früchte zu rotem Tee verarbeiten kann, weiss man. Aber man kann auch Marmelade davon kochen. Als Buben haben wir die haarige Innenseite der Kernhülsen gern als Juckpulver benutzt. Diese Heckenrosen waren es wohl, die Elisabeth Langgässer vor Augen hatte, als sie 1942 die Gedichte des Zyklus »Der Laubmann und die Rose« schrieb. Wie in Rheinhessen faszinierte sie im Märkischen bei Berlin die wuchernde Natur in der Sommerhitze. Aber anders als im Frühwerk, z.B. in der Kindheitsmythe »Proserpina«, beschreibt sie die Lebenskräfte der Natur nicht als dämonisch. Sie sucht im Gegenteil »jenen Standort zu finden, der von Anfang an paradiesisch war und geblieben ist in dem Mysterium der Unbefleckten Empfängnis und mystischen Rose - es sin d also, wenn man so will, mariologische Naturgedichte.« Ein Fluchtpunkt inmitten der Nazibarbarei. Die Langgässer fantasiert ihre »rosa mystica« mit folgenden Zeilen: »Keines Bienenleibs Gewicht/lag mir noch im Schoße,/als mich weckte jenes Licht,/das mich sah - ich sah es nicht -/und mich hieß,/mich entließ/mit dem Namen Rose.«

Während sich die frühen Christen mit der Rose schwer taten und sie als »Blume des Exzesses« kategorisch ablehnten, galt sie den Muslimen seit jeher als heilige Blume. Mit der Marienverehrung des 11. Jahrhunderts kehrte sie in die westeuropäische Religion und Kunst zurück, wahrscheinlich ein Impuls der Kreuzzüge, der als positive Verbindung zwischen Orient und Okzident die kriegerischen Leiden überlebte. Die Mystik in Ost und West vertiefte die feminine Rosensymbolik und war nie weit weg von einer Verurteilung als Ketzerei. Die Lehre vom freien Geist, der die persönliche Vereinigung mit Gott sucht, war und ist den Orthodoxen bis heute suspekt. Und sie hat nicht nur die Rosenkreuzer hervorgebracht, sondern auch die mittelalterlichen Frühformen der Aufklärung. Davon erzählt Umberto Ecos großer Roman »Im Namen der Rose«. Der Rhein - und damit auch Mainz und Worms - war stets mit Norditalien verbunden und eine beka nnte Heimstatt von Ketzerei. Hier gab es immer wieder Katharer, Waldenser, Freigeister und schwärmerische Beginen. Erinnerungen an den Göttinnenkult der Kelten verbanden sich mit der modernen Sehnsucht nach Freiheit. Auf diesem Hintergrund lassen sich auch die Rosenfenster in der Oppenheimer Katharinenkirche und im Westchor des Wormser Domes besser verstehen. Sie transportieren etwas von diesem frühbürgerlich-städtischen Geist der Gotik, der das aufklärerische Licht des Denkens in der Lichtmystik der Glasfenster vorausahnte..

Zurück zum Exzess von Essen und Trinken. Die Völlerei bricht in allen Kulturen immer dann aus, wenn die Fastenzeit beginnt oder endet. Nicht umsonst steht der fastnachtliche Rosenmontag genau an dieser Schwelle. Über den Mainzer Rosenmontagszug braucht man wegen seiner allgemeinen Popularität kaum ein Wort zu verlieren. Wer das Treiben nicht kennt, kann ja mal in Zuckmayers »Fastnachtsbeichte« schmökern. Und auch, wenn das Wort etymologisch nicht von Rosen, sondern von Rasen kommt - rasend sein wie der Weingott Dionysos und sein Gefolge -, die mariologische Verballhornung zu Rosen passt, vor allem im jahrhundertelang erzbischöflichen Mainz.

Anmerkung der Redaktion:
In den Weinbergen haben die Winzer in früheren Zeiten oft Rosen an den Zeilenanfang gepflanzt. Das sah nicht nur schön aus, die Rosen waren auch gleichzeitig Indikatoren für Mehltaugefahr in den Weinbergen. Rosen sind noch anfälliger gegen Mehltau als Reben und somit wussten die Winzer, dass in den nächsten Tagen eine Spritzung gegen Mehltau anstand.

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