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Kerb in Rheinhessen
»Es war in der Nacht vom 8. zum 9. September des Jahres 1808, da schlichen einige verdächtige Gestalten um die Scheuern und Gärten des kleinen Dorfes Wonsheim. Sie gehen die Untergasse hinunter und bleiben vor einem Hoftore stehen. Mit einem Pfahleisen, wie man es sonst im Wingert braucht, wenn man die Wingertspfähle einrammt, lockert einer der Männer einige Pflastersteine, ein anderer hebt diese heraus und gräbt mit der Hand einige Erde heraus. Ein dritter zieht unter der gestrickten Jacke eine wohlverkorkte Flasche Wein hevor, legt sie in die rasch entstandene Grube. Dann wird diese wieder mit Erde zugeschüttet, die Pflastersteine werden wieder eingefügt, und mit den Händen wird jede Spur des Geschehens verwischt. Räuber sind es demnach nicht, mit denen wir es hier zu tun haben.« So beschreibt der Schriftsteller Heinrich Bechtolsheimer (1868-1950) in seiner Erzählung »Zwischen Rhein und Donnersberg« das heimliche Eingra ben der Kerb durch den Kerwejahrgang in seinem Geburtsort Anfang des 19. Jahrhunderts. Sonntags nach der Kirche wird die Flasche als Kerwesymbol wieder ausgegraben und signalisiert den Beginn des dreitägigen Feierns und der Tanzmusik. Diese Struktur hat sich in einigen rheinhessischen Dörfern erhalten, und zwar dort, wo Kerwejahrgänge noch oder wieder die Regie führen. Meist wird die Flasche dann am Ende der Kerb in einem Sarg von schwarzbekleideten Sargträgern unter Klagen zu Grabe getragen. In Mauchenheim wurde eine Belebung dieses Brauchs versucht, indem man am Anfang der Kerb den »Kerwehannes«, eine Strohpuppe, nach einer »liturgischen Anrufung« und unter Singen eines neu gedichteten Kerweliedes (Melodie: Auf einem Baum ein Kuckuck) ausgräbt und am Ende unter Absingen einer Trauervariation des Liedes verbrennt und in den Sternenhimmel entlässt.
Bechtolsheimer berichtet auch vom Aufstellen eines Kerwebaumes, einer mit bunten Bändern geschmückten Fichte. Heute sind es meist Birken, die vielerorts aufgestellt werden. Wo das nicht durch die Ortsgemeinde oder den Heimatverein, sondern noch durch Kerwejahrgänge geschieht, kam und kommt es auch vor, dass versucht wird, den Kerwebaum durch rivalisierende Gruppen - sei es aus einer anderen Wirtschaft oder aus einem Nachbardorf - zu stehlen; andernorts kann sich das auch auf eine Kerwefahne oder das Weinfass des Jahrgangs beziehen.
Die Kirchweih ist der Ursprung der Kerb, also die Weihe der Dorfkirche, die am Namenstag des Patrons stattfand. Daraus ist in einer überwiegend protestantischen Region ein eher weltliches Fest geworden; nur ein Gottesdienst im Programm deutet meist noch auf die Entstehung hin. An Einweihungsriten in Stammesgesellschaften erinnert der Kerwejahrgang. Männliche Jugendliche werden dort in Gruppen durch besondere Schulungen ins Erwachsenenleben eingeführt. Auch nach der Christianisierung Europas haben sich solche Rituale - vor allem wegen ihrer sozialpsychologischen Funktion - in unterschiedlichen Formen erhalten, so bei Rügebräuchen wie dem Haberfeldtreiben im Alpenraum oder der Hexennacht zum 1. Mai in unsrer Region. Cliquenbildung ist auch heute noch im Teenageralter üblich. Während es heute jedoch einerseits eine schärfere Trennung von jugendlichen Subkulturen und gesellschaftlichen Mainstream und andrerseits einen mode- und kommerzbedingten Jug endkult über alle Generationen hinweg gibt, dienten die widerständigen Jugendbräuche der alten Dorfkulturen eher der Sozialisation in die Erwachsenenwelt. Deshalb wusste man auch, was zu treiben, was zu rügen und was zu unterlassen war.
Zu diesen Bräuchen gehört auch die »Kerweredd«, bei der zu einem festgelegten Zeitpunkt ein Redner das Ortsgeschehen glossierte (heute z.B. in Gundersheim durch ein Duo). Dieses Brauchtum ist allerdings fast überall schrittweise seit 1900 ersetzt worden durch die Büttenrede der Fastnacht, die von Mainz aus den ländlichen Raum eroberte. Dort hat der Protokoller der Saal- und Vereinsfastnacht diese Rolle übernommen.
Nur noch in Weiler bei Bingen war um 1985 der Brauch bekannt, den Kerwehammel auszutanzen. Jungk/Pabst berichten davon, dass dies um 1870 in Siefersheim üblich war: »Wird der Hammel herausgetanzt, so setzt sich der Schäfer mit Mantel, Hut und Schäferschippe und seinem Hund in den Saal, und die Paare tanzen um ihn herum. Wer gerade tanzt, wenn die Pistole oben bei den Musikanten kracht., hat den Hammel gewonnen. Der Tänzer muss dafür die Kerwebursch mit Wein freihalten, während die Tänzerin Anspruch auf das Fell hat. Abends wird dann der im Laufe des Tages geschlachtete Hammel verzehrt.« (S. 153)
Oben krachte die Pistole, weil die Musikanten früher im Tanzsaal der Gastwirtschaften auf halber Höhe über den Tänzern auf einer so genannten Musikantenpritsche saßen. Bechtolsheimer erzählt von einem Trio mit Bassgeige (Kontrabass), Trompete und Klarinette. Später wurde auch das Akkordeon üblich. Überliefert ist z.B. ein »Kerwehuppser« (Heeger/Wüst, Pfälzische Volkslieder), der wahrscheinlich als Schottisch getanzt wurde. Aus Essenheim ist dazu folgender Text bekannt: »Heit is Kerb, moje is Kerb/bis de Dienschdagowend./Wann isch zu mei'm Schätzje geh,/saa isch schee G'nowend./Hibsch G'nowend Lisabett,/weiß mer mol dei Ferrerbett./Hinnerm Offe uff de Bank,/hinnerm griene Vorhangkschrank./Wann Kerwe is, wann Kerwe is,/dann schlacht mei Vadder en Bock./Dann danzd mein Mudder, dann danzd mei Mudder,/do schwänzeld aach ehrn Rock.« Letzteres erinnert wieder an das Austanzen des Kerwehamm els. Beim Tanz kaufte man Bändchen, um zur Tanzfläche zugelassen zu werden. Für die ordnungsgemäße Abwicklung sorgte der »Solomacher« (Tanzordner).
Der Badenheimer Dichter und Bauer Isaak Maus (1748-1833) hat die Bedeutung der Kerb im Jahreslauf für die rheinhessischen Dörfer poetisch formuliert: »Selten gibt's in unserm Dörfchen Feste;/jährlich einmal fällt die Kirchweih ein./Unsre Nachbarn sind willkommne Gäste,/und wir lärmen wild bei gutem Wein./Trinken in die Runde/bis zur Morgenstunde,/froh und fröhlich gute Brüderschaft;/tanzen lustig in gereihter Kette,/stampfen mutig und voll Männerkraft,/wissen nichts von schlauer Etikette;/küssen unsre Weibchen, wie sie sind,/treu und fleißig, uns zum Glücke/für so manches blind.« Aber nicht nur das Tanzen und Trinken war und ist ein wichtiger Bestandteil der Kerb, sondern auch das Essen. Wilhelm Hoffmann berichtet in seiner »Rheinhessischen Volkskunde« (1932): »Das Menu der Festessen steht auch hier fest: mittags außer Fleischbrühsuppe 2 Gänge: Rindfleisch mit Meerrettich o der eingemachtes Obst, danach Bratwurst mit Weiß- oder besser noch Rotkraut, abends wie bei den Hochzeiten; manche Kirchweihen sind auch durch ihr Geflügel bekannt. Für die Suppenklöße und als Paniermehl für die auch als Festspeise beliebten »Karmenaden« bäckt der Bäcker mürbe Viezen.« (S.183) Andernorts gab es auch Braten. Nachts ging man oft nach der Musik noch in ein Privathaus und es gab noch Torte zu essen.
Vielerorts ist die traditionelle Kerb des 19. Jahrhunderts in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zugunsten von Wein- und Straßenfesten zurückgegangen oder ganz verschwunden. In den Stadtteilen z.B. von Worms kehrte sie in dieser Zeit wieder zurück, um die Identität nach der Eingemeindung zu stärken. Es entstanden Heimatvereine, welche die Kerb neu organisierten, meist in aktuellen oder ehemaligen Winzerhöfen. Dort gab es Kerweessen und Musik, zunehmend auch Pop und Jazz. Man erfand neue Kerwefiguren (Ausscheller, Kerweborsch, Kerwemädchen etc.), orientiert an der seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts üblichen Weinköniginnen. Auch neue Kerwe-Spiele wurden - orientiert an TV-Ideen wie »Spiel ohne Grenzen« - kreiert, so z.B. das Schoppentischrennen in Worms-Leiselheim. Das Programm wurde häufig angereichert durch Theater, heimatkundliche Rundgänge und Ausstellungen sowie durch Wanderungen, welche die Trad ition der längst ausgestorbenen Gemarkungsumgänge oder -umritte wieder aufgreifen. Auch in den Dörfern übernehmen mittlerweile meist die Ortsgemeinde, Heimatvereine oder Vereinsringe und Winzer die Kerwefunktionen. Wie überall, ist auch hier ein Wandel festzustellen, der die Tradition umformt und zeitgemäß interpretiert. Manches Brauchtum wird neu belebt, meist in aktuellen Variationen. Manchmal sind es aber auch einfach urmenschliche Bedürfnisse, die sich neue Formen suchen, ob innerhalb oder außerhalb der Kerb. Die Klage über die verlorene Zeit lohnt sich nicht; nur das Spiel mit alten Formen und neuen Ideen führt weiter.
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