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Kriege in Rheinhessen

Vom Balkon des Deutschhauses in Mainz, das heute den Landtag beherbergt, wurde am 18. März 1793 die erste Republik in Deutschland ausgerufen. Das geschah in Anwesenheit französischer Revolutionstruppen. Im Juli 1793 eroberten die von den Preußen angeführten deutschen Koalitionstruppen Mainz zurück. Dabei wurde die Stadt bombardiert und 5000 Soldaten (3000 Deutsche und 2000 Franzosen) sowie 17 Zivilisten getötet. Der Dom wurde schwer beschädigt, ebenso Liebfrauen- und Jesuitenkirche sowie die Dompropstei. Schloss Favorite wurde zerstört und nicht wieder aufgebaut. Goethe, der als deutscher Diplomat an der Belagerung teilnahm, schrieb dreißig Jahre später in seinen Erinnerungen: »Die Bomben schienen mit den Himmelslichtern zu wetteifern. Herr Gore (ein englischer Maler, der Verf.) und Rat Kraus behandelten den Vorfall künstlerisch.« Das Bombardement sei »ein seltener, wichtiger Fall, wo das Unglück selbst malerisch zu werden v ersprach.« So eine Art Feuerwerk. Der verkrachte Akademiker Friedrich Christian Laukhardt aus Wendelsheim nahm als deutscher Soldat an der Belagerung teil. In seinen zwischen 1793 und 1796 erschienenen Erinnerungen, die Goethe nachweislich als Quelle benutzt hat, beschreibt er die andere Seite des Krieges, z.B. die von den Bauern erzwungenen Schanzarbeiten: »Ich habe bei Mainz arme Leute arbeiten sehen, welche in 24 Stunden nichts essen konnten, weil ihr Vorrat alle war und sie keinen Kreuzer Geld hatten. Dass man die armen Bauern bei solchen Arbeiten auch noch misshandelt, davon bin ich selbst Zeuge gewesen. Barbarisch ist es vollends, dass man Landleute da arbeiten lässt, wo Gefahr ist, verwundet oder erschossen zu werden.«

Der Rhein wurde seit den Römern zu einer umstrittenen politischen Grenze, zunächst zwischen Römern und Germanen, später zwischen Franzosen und Deutschen. Deswegen hat die Region im Rheinknie immer wieder Kriege und Zerstörungen erlebt. Das hat nicht nur vielen Menschen das Leben gekostet, sondern auch zahlreiche Bauwerke beschädigt oder zerstört, und zwar nicht nur die immer wieder neu aufgebauten Dome und Kirchen. Besonders verheerend waren dabei das 17. und das 20. Jahrhundert. Die Stadt Osthofen z.B. wurde im böhmisch-pfälzischen, ersten Teil des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) von den spanischen Truppen Spionlas niedergebrannt. Erst 1670 wurde das über dreißig Jahre hin menschenleere Dorf überhaupt wieder besiedelt. Anderswo lief es ähnlich ab. Daher stammen in den meisten rheinhessischen Dörfern die ältesten Fachwerkbauten aus der Zeit nach 1700. Die nächsten Zerstörungen kamen durch die Truppen Lu dwig XLV. im pfälzischen Erbfolgekrieg (1689). General Melac, dem die Eroberung der Kurpfalz nicht gelang, betrieb auf höchsten Befehl eine Politik der verbrannten Erde. Worms wird angezündet und dabei fast alle bürgerlichen Bauten aus Gotik und Renaissance vernichtet. Auch Alzey brennt. Das Schloss bleibt bis 1903 eine Ruine. Der Kapuzinerpater Cyprian berichtet: »Um 10 Uhr ungefähr stürzten Bewaffnete ohne Zahl und Ordnung mit Beilen und Äxten durch ein gerade offen stehendes Tor in die verschlossene Stadt herein. Sie schlugen die äußeren Türen vom Hof in unser Haus ein, zerbrachen die Fenster, sprangen in die Küche und steckten das Haus an.«

Das 20. Jahrhundert brachte den Völkermord des nationalsozialistischen Deutschland, dessen Führer - auf dem Hintergrund ihrer sozialdarwinistischen Ideologie - die Zerstörung ihres eigenen Landes als folgerichtige Konsequenz aus der militärischen Niederlage begriffen. So wurden vor allem die Innenstädte von Mainz und Worms 1945 durch Bomben völlig zerstört. In einem Augenzeugenbericht heißt es: »Die Menschen in den Kellern beten, weinen, schreien, trösten. Wo die Häuser brennen, suchen sie sich zu retten und dem Tod zu entkommen. Viele fliehen vor die Stadt. Sie sehen Worms brennen, wir unsre Vorfahren 1689 ihre Stadt schon einmal haben untergehen sehen. Damals wurde als Zeichen der Buße die Dreifaltigkeitskirche errichtet. Jetzt sinkt sie als lodernde Fackel in sich zusammen.« Dabei gingen auch die barocken Bauten und die von Jugendstil und Historismus geprägten Einkaufsstraßen unter. In Mainz war 61 Prozent der Bausubstanz vernichtet, in der Innenstadt sogar 80 Prozent; 2800 Menschen wurden dort bei den Bombenangriffen getötet. Die Ruine des Kirchenschiffs von St. Christoph wurde 1962 gesichert und blieb als Mahnmal des Krieges stehen.

Aber es gibt auch andere Denkmäler, die an Kriegszeiten erinnern. Da sind zunächst einmal die napoleonischen Veteranensteine in Westhofen und Wörrstadt, die aus Dankbarkeit für sozialen Aufstieg und französische Pensionen errichtet wurden, dann die Kriegerdenkmäler von 1870/71 in vielen Gemeinden sowie die Gedenksteine an die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges. Dazu kommen militärische Bauten wie die Mainzer Zitadelle, wo heute alljährlich an Pfingsten das Open-Ohr-Festival einen antimilitaristischen Akzent setzt. Oder aber die Kasernengebäude der Wormser 118er an der Mainzer Straße, die nach dem hessischen Regiment französische und amerikanische Truppen beherbergten. Im Rahmen der Konversion wurden sie jetzt erst für eine zivile Nutzung umgebaut: Firmen, eine Kunstgalerie mit Ateliers sowie eine Kleinkunstbühne und ein Hotel sind hier eingezogen. Schließlich sind durch die Kriege auch Menschen nach Rheinhessen gekomme n: Ab 1605 aus Frankreich geflüchtete Hugenotten, die sich im »Welschdorf« Oppenheims niederließen, oder nach 1648 Niederländer und Schweizer als Siedler. Und immer wieder hat die Bevölkerung fraternisiert. So gibt es Nachkommen von russischen Kriegsgefangenen aus dem ersten Weltkrieg oder Besatzungskinder mit einem afroamerikanischen Vater.

Und weil der Rhein auch eine Handelsstraße war, sind die linksrheinischen Regionen nicht nur im Krieg so etwas wie europäische Begegnungsstätten gewesen. Die Folge: Eine Mischung der Kulturen, ständige Bewegung und Erneuerung, Eigennutz und Offenheit in der Waage und viel ironische Skepsis gegenüber Ideologien. Carl Zuckmayer hat das gemeint, wenn er in »Des Teufels General« von Rheinhessen als einer Völkermühle spricht. Veränderung ohne Gewalt ist daher ein Thema, das Schriftsteller am Rhein immer wieder bewegt hat, am schönsten in der Vision des Mainzer Anarchisten Rudolf Rocker, der in seinem gegen den Sozialdarwinismus gerichteten Buch »Nationalismus und Kultur« (1937) nachzuweisen sucht, dass nur »ein kooperatives Zusammenwirken der Menschen« - friedlich und freiwillig zugleich - gesellschaftlichen Fortschritt und menschenwürdiges Leben in der Geschichte ermöglicht hat und ermöglichen wird.

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