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Landschaftsimpressionen

Dampfende Erde und weiter Blick - Natur und Landschaft in Rheinhessen

In der Zeitschrift »Jugend« (1911) beschrieb der in Framersheim geborene Autor Karl Schloß seine Geburtsheimat als »stilles Land«: »Rings Sand und Gras, das leicht erschrickt, Die Wolken zieh'n, soweit dein Auge blickt.« Das hört sich nach Meeresküste an. Und in der Tat: Vor etwa 30 Millionen Jahren war der Westteil des Mainzer Beckens von einem Meer bedeckt. Die Ausläufer des nordpfälzischen Berglandes ragten ans Halbinseln ins Wasser. In dem subtropischen Meer lebten u.a. Korallen, Schnecken, Muscheln, Seekühe, Rochen, Haie. Die Ablagerungen am Meeresboden, die heute in Sandgruben und Steinbrüchen (Weinheimer Trift, Brandungskliff am Steigerberg bei Eckelsheim) zu Tage treten beherbergen daher Haifischzähne und Versteinerungen aus der Zeit des Tertiärmeeres.

Im Alzeyer Museum findet sich das Skelett einer fossilen Seekuh. Das Mainzer Naturhistorische Museum zeigt ebenfalls die Tierwelt des Mainzer Beckens, aber auch die eiszeitliche Fauna mit Wollnashorn, Steppenelefant und Riesenhirsch. Ganz der Paläontologie gewidmet ist das Museum im alten Niersteiner Rathaus. Mergelablagerungen führen an den Hängen der Bachtäler häufig zu Rutschungen, da sie unter wasserdurchlässigen Kalkschichten und über undurchlässigen Tonschichten liegen und durch Sickerwässer aufquellen. Am Hang treten daher auch meist Quellen aus, die zu den Dorfgründungen im frühen Mittelalter Anlass gaben. Die Lößschicht an der Oberfläche wurde durch den Wind im Pleistozän aufgetragen. Sie bildet schwarzerdeartige, fruchtbare Steppenböden. Die Lage im Lee des Donnersbergs führt zu einem trockenwarmen Klima mit mediterranem Einschlag. Rheinhessen war daher immer waldarm. Vor der landwirtschaftlichen Kult ivierung durch Ackerbau und den von den Römern importierten Weinbau gab es hier vorwiegend Steppen- und Felsheiden, die man heute noch vielfach in Rückzugsgebieten an sonnigen Felshängen findet, so am Wißberg, am Gau-Algesheimer Kopf, am Jakobsberg, am Martinsberg und am Petersberg.

Dafür typische Pflanzen sind u.a. Steppenkirsche, Zierliches Johanniskraut, Kuhschelle, Wohlriechende Skabiose und Diptam. Dazu kommen Sträucher wie Weißdorn, Liguster, Felsbirne, Berberitze, Mehlbeere und Hartriegel. Rheinhessen ist also eine in mehrfacher Hinsicht offene Landschaft, in der man weit schauen kann. Wind und Wolken spielen wie am Meer eine dominierende Rolle im Landschaftsbild. Das eher kontinental geprägte Klima andrerseits mit seinen geringen Niederschlägen und seiner hohen Sonnenscheindauer gibt bei aller Nüchternheit des Steppenprofils ein südliches Flair, das nicht nur dem Wein angenehm ist, sondern auch den Boden im Sommer mit Hitze auflädt und das Leben im Freien erlaubt. Schattenspendende Baumpflanzungen, Innenhöfe, Terrassen und Balkone laden zum Verweilen in Dörfern und Städten ein. Und trotz der Trockenheit entsteht so im Landschafts- und Lebensgefühl eine Üppigkeit, die Elisabeth Langgässer in ihrer Erzählung »Proserpina« (1929) mit den Worten beschreibt: »Die Erde dampft noch von den Geistern.« Wer Natur und Landschaft Rheinhessens kennenlernen will, kann sich zahlreiche Führungen aussuchen. Da gibt es das Angebot unter www.geographie-fuer-alle.de mit Besuchen der Rheinauen und des Naturschutzgebietes Mainzer Sand. Unter www.rheinhesseninfo.de finden sich die Hohlwegeführungen in Alsheim. Meterhohe Lößwände, die in die Rheinkante des Hügellandes hineingefahren wurden, beherbergen seltene Pflanzen.

Der NABU gibt ein Jahresprogramm mit Veranstaltungen heraus (www.NABU-RLP.de), das pro Monat über fünf Exkursionen anbietet: Vogelstimmen, Libellen, Schmetterlinge, Feldermäuse, Fischadler werden in Obstwiesen, Auenlandschaften, Stadt- und Dorfwelten, Bachtälern und Steilhängen besucht. Schöne Gärten und Höfe listet eine Broschüre auf, die man ebenfalls über die Rheinhesseninformation erhält: Jede Woche werden andere Gartenführungen angeboten. Dazu kommen Kräuterspaziergänge und -seminare. Auch die in Oppenheim neu ausgebildeten Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessens bieten besondere Exkursionen an, so im Eicher See-Winkel, zu einem Kneipp-Gesundheitsgarten in Bechenheim oder zum karolingischen Garten in Dautenheim. Es herrscht also kein Mangel an Angeboten, wenn man einmal eine kurze Zeit im Internet surft. In Rheinhessen passen sich die Tiere der Pflanzenwelt an. Die Natur ist eher ruhig und zurückhaltend. Die Z eit der Rinderwiesen ist vorbei. Und auch die aus Afrika bekannten Herden an Steppentieren wird man hier nicht finden. Insofern ist Rheinhessen wohl eher eine an Sträuchern, Gräsern und Blütenpflanzen sowie eine am Himmel orientierte Landschaft. Alles liegt offen im Blickfeld, es sei denn, es ist von Menschenhand ummauert oder umpflanzt. Die Sonne bestimmt das Geschehen, wärmend, erhellend und unbarmherzig zugleich.

 

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