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Lieder und Tänze in Rheinhessen
Die Sammlung regionalen, vor allem ländlichen Brauchtums ist eine späte Erscheinung in der Kulturgeschichte. In unsrer Gegen wurde sie ausgelöst durch Wilhelm Heinrich Riehls Buch »Die Pfälzer« (1857), das Volkskunde als Wissenschaft etablierte. Die Furcht vor dem Verlust regionaler Kultur im Zug der Industrialisierung muss als Motiv dafür gelten. Da Rheinhessen jedoch bereits seit der napoleonischen Zeit eine stadt- und zeitgeistnahe Zivilisation lebte - der Nieder-Olmer Schriftsteller Wilhelm Holzamer nannte die Rheinhessen einmal treffend »Städter auf dem Land« - und hier daher beispielsweise früh Trachten abgelegt wurden, kam es nicht zu rheinhessischen Lied- und Tanzsammlungen wie in der Pfalz. Allerdings finden sich bei Heeger/Wüst (Pfälzische Volkslieder) und dem hessischen Volkstanzsammler Hans von der Au auch rheinhessische Tänze und Tanzlieder. Andere Überlieferungen wie politische Lieder und - Flugblattlieder, teilweise auch Einsendungen mündlicher Überlieferung gibt es im Freiburger Volksliedarchiv. Die Lieder der Saalfastnacht liegen in Buch- und Notenform vor, die Lieder der aktuellen Mundartszene und der regionalen Popkultur gibt es auf CD; dazu kommen die mittlerweile bundesweit bekannten Fangesänge von Neu-Bundesligist und »Nur-Fassenachtsverein« Mainz 05.
Auch bei einer kulturell offenen Landschaft wie Rheinhessen gibt es natürlich dennoch kollektive Identität und regionale Traditionen. Für die Volksmusik des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts muss man dafür seinen Blick auf die Chor- und Schulbuchliteratur (Volkslieder seit den romantischen Sammlungen) sowie auf die Dorfsäle (Tanzmusik) richten. Während die Vereine und die Schulbehörden eine bürgerlich-nationaldeutsche Tradition pflegten und erzogen, die nach 1849 von ihren revolutionären und republikanischen Wurzeln zunehmend gereinigt wurde, gab es im Tanzmusikbereich stets mehr Bewegung, sei es, dass man Spottlieder mit einbaute, versteckte politische Hinweise einfließen ließ oder auch einfach nur überregionalen Moden nachgab.
Ein Beispiel dafür ist der »Schnicker«, den Hans von der Au 1937 nach einer Fassung aus Klein-Winternheim notiert hat. Diese Polka-Mazurka, der polnische Nationaltanz, wurde dem rheinhessischen Temperament angepasst. Statt des in Polen üblichen Stampfens verlegte man sich auf ein phlegmatischeres »Stumpen« (Hintreten) und Kniewippen. Nach Rheinhessen gekommen ist dieser Tanz im Zuge der polnischen Befreiungsbewegung nach 1830, die sich insofern mit dem Hambacher Fest (1832) verband, als dort polnische Emigranten auf der Durchreise in ihr Pariser Exil Station machten und herzlich als Brüder willkommen geheißen wurden; in zahlreichen Dörfern gründeten sich damals Polenvereine.
Die politischen Lieder der Mainzer Republik von 1792/93 dagegen sind inzwischen vergessen. Der Jakobiner Friedrich Lehne (1771-1836) dichtete beispielsweise auf die Melodie der Marseillaise das »Lied vom freien Wöllsteiner«, das die auffallenden revolutionären Aktivitäten des Wöllsteiner Clubs pries: »Wir selbst, wir machen die Gesetze,/denn wer weiß besser, was uns nützt?/Dadurch behalten wir die Schätze,/die dann kein Schwelger mehr besitzt./Wir wählen uns gerechte Richter,/die keines Schurken Gold besticht;/Vertrauen wecket ihr Gesicht,/schreckt nie wie jene Amtsgesichter./Wohlan, die Wahl ist leicht!/Nur Freiheit oder Tod;/weh dem, Fluch dem,/der je es wagt und unsrer Freiheit droht!«
Am Wöllsteiner Club beteiligt war auch der aufklärerisch denkende Badenheimer Bauerndichter Isaak Maus (1748-1833). In seinen Texten bildet sich das überschäumende bürgerliche Lebensgefühl ab, das den politischen Aufbruch einer Klasse charakterisiert, ohne tagespolitisch zu argumentieren: »Fürsten mögen Fürsten sein;/nimmer wird ich sie beneiden./Es sind gegen meine Freuden/ihre Freunde viel zu klein./Ohne stolzen Selbstbetrug,/ohne Hoheit, Prunk und Ehre/(Sachen, die ich nicht begehre)/ist mein Mädchen mir genug.« Die Freiheit der Partnerwahl durchbrach die alten Standesregeln und führte auf dem Tanzboden zum Durchbruch des am Hof verpönten Walzers (3/4-Takt) mit seiner bis zum Schwindeln vitalen Paardrehung. Auch der in Rheinhessen ebenfalls belegte Dreher (im 2/4-Takt) erzeugte ähnliche Gefühle. In seiner Novelle »Peter Nockler« (1910) beschreibt Wilhelm Holzamer einen Odenwälder Tanzabend: »Nun gi ng ein Aufruhr durch den Saal. Ein Signal war geblasen worden. Alles war aufgesprungen wie elektrisiert. »Dreher!« hieß es. »De Dreher!« rief`s überall. Die Burschen rannten blind hinauf wie die Stiere. Zum Dreher holte sich jeder die Liebste.« Holzamer findet allerdings im Tanzstil Unterschiede zwischen der regionalen Kultur des Odenwalds und Rheinhessens: »Das ging anders wie in Rheinhessen. Alle Bewegungen ruhiger, jeder Bogen vorsichtig und abgemessen, ein wenig zurückgehalten, aber doch ganz hingegeben und mit aller Kraft. Und jedes Mal ein klarer, schöner, runder Bogen. Ja, ganz anders wie in Rheinhessen. Der Rheinhesse hüpft, wenn er tanzt. Der will vom Boden los. Der will herum. Und wenn er Wein getrunken hat, fliegt er nur so hin. Das ist sein Temperament. Er scheut auch den Sprung nicht. Und selbst seine Sprünge stehen ihm gut.« Vom rheinhessischen Dreher schreibt Hans von der Au (1937), die bisweilen zum Kinderspiel abges unkene, sehr alte Tanzform des Drehers »findet sich noch in den alten kurpfälzischen Orten um Oppenheim am Rhein, wo er während der Mittagspausen im Herbst, d. h. bei der Weinlese, im Freien getanzt wird. Er ist dort in viel altertümliches Brauchtum bei der Traubenernte (Stumpen, Pritschen, Welgern zu Paaren) eingebettet. An Lied und Scherz, Tummel und Tanz kann sich die rheinhessische Jugend bis hin zum Herbst-Imbs mit seiner üblichen Polonaise durch Haus, Hof, Garten und Keller in solchen Tagen nicht genug tun.«
Heute noch bekannte Tanzlieder sind vor allem »Es geht nix iwwer die Gemitlischkeit« (auch als Zwiefacher, also im Wechsel von Zweier- und Dreiertakt) und der Kerwehupser: »Heit is Kerb in unserm Dorf,/Mädsche, du disch butze./Zieh die hellbloo Reckelsche aa/unn die griene Mutze.« (Mutze = Mitzje/Mieder). Im frühen 20. Jahrhundert lösten Rheinländer und Schottisch/Hackschottisch Schnicker und Dreher ab. Neben dem Standardtanz Walzer war in den fünfziger Jahren auch der Rheinländer noch Gegenstand des Tanzunterrichts. Aber die kleinstädtische und dörfliche Tanzszene war auch immer offen für Neuerungen. So ist bei einem Alzeyer Vereinsfest vor 1914 überliefert, dass man auf der Bühne einen Cakewalk tanzte. Diese frühe Form des Jazztanzes stammte aus den amerikanischen Minstrelshows, die damals auch auf Europatournee waren. In Mauchenheim hat man in den vierziger Jahren »uff de Musick« auch Shimmy getanzt. Heute sind - allerdings mehr in Städten wie Mainz - Salsa und Tango in ihrer lateinamerikanischen Form angesagt. Überall in Rheinhessen finden sich Tanzgruppen, die Jazztanz und andere moderne Formen von Poptanz für Feste und vor allem die Fastnacht einstudieren.
Dass die Fastnacht das übrige Brauchtum in Rheinhessen dominiert, sieht man u. a. daran, dass ihre Lieder in Buch und Noten überliefert sind, so auch das wohl berühmteste rheinhessische Lied, das Martin Mundo erstmals 1929 in Mainz gesungen und das Ernst Neger nach 1945 über die Fernsehfastnacht überregional bekannt gemacht hat: »Heile, heile Gänsje,/es is ball widder gut./Es Kätzje hott e Schwänzje./Es is ball widder gut./Heile, heile Mausespeck,/in hunnert Johr is alles weg.« Keine Frage, dass dieses Lied, mit dem man heute noch wunderbar Kinder trösten kann, die sich verletzt haben, mittlerweile zum Volkslied geworden ist. Manche traditionellen Lieder der Dorffastnacht, die meist durch die Saal- und Vereinsfastnacht verdrängt wurden, haben sich bei Auswanderergruppen erhalten. So fand sich noch Ende des 20. Jahrhunderts bei Wolgadeutschen, die heute in Colorado, Nebraska und Kansas leben, ein Fastnachtslied, das stark an den rheinhess ischen Kerwehupser erinnert: »Die Faasenachd, die Faasenachd, do hadds gekrachd. Do schlachd mei Vadder e Bock. Do danzd mei Mudder Schleifer. Do bambeld eher ehrn Rock, Rock, Rock.« Die Gruppe stammt von katholischen Familien aus Alzey und Weinheim ab, die 1766 nach Russland auswanderten. Somit ist auch die Tanzform des Schleifers für Rheinhessen indirekt belegt.
Wer sich im engeren Sinn für Volkstanz (Deutsche und internationale Volkstänze) interessiert, kann Tanzworkshops und offene Tanzabende der Mainzer Leineweber besuchen (www.mainzer-leineweber.de); sie treffen sich in der ehemaligen Scheune der Alten Ziegelei (Bretzenheim). Volkstanzgruppen gibt es auch bei der Eckelsheimer Musikschule Lahm und beim Brauchtumspflegeverein ACV in Alzey. Ob Volk, Folk oder Pop - die populäre Lied- und Tanzkultur war immer durchlässig, offen für Neuerungen und interkulturelle Begegnung, bzw. kulturelle Färbungen. Aus ihren Hinterlassenschaften lassen sich Trends und Stimmungen der jeweiligen Zeit ablesen, an ihren Rändern bilden sich stets neue Mischungen und Perspektiven.
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