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Mühlen in Rheinhessen
Wenn Gebäude zu Ruinen werden, suchen die Leute einen Grund dafür. Und wenn sie ihn nicht oder nicht mehr kennen, dann erfinden sie Geschichten. So auch bei der spätgotischen »Beller Kirche« nahe Eckelsheim. Die Sage erzählt, in der Ruine sei es nicht geheuer, weil dort ein kopfloser Geist umgehe. Das sei der Hasselmüller von der gleichnamigen Mühle am Wiesbach bei Wendelsheim. Er habe einmal einen Prozess um einen Acker gegen einen Bauern verloren. Wie es der Teufel wolle, seien die beiden Kontrahenten beim nächsten Abendmahl in der Beller Kirche hintereinander zu stehen gekommen. Dabei habe der Bauer dem Müller voller Häme ins Ohr geflüstert: »Der Agger is jetzert all moi!« (Der Acker gehört jetzt ganz und gar mir!). Darauf habe den Müller eine unbändige Wut gepackt und er habe den Bauer mit dem Altarkreuz erschlagen. Dafür sei er geköpft worden. Und weil er keine Ruhe im Grab finde, gehe er jetzt als kopfloser Geist in der entweihten Kirchenruine um. Die Hasselmühle übrigens steht heute noch. Sie liegt an einer Wanderroute von Nieder-Wiesen bis Uffhofen, die von der SWR-Landesschau empfohlen wurde (www.swr.de/landesschau-rp/ausfluege/muehlen).
Hintergrund dieser Sage ist, dass es zwischen Müllern und Bauern immer wieder zu Rechtskonflikten kam. So statteten die Landesherren als Verpächter ihre Mühlen seit dem Mittelalter mit besonderen Rechten aus: dem Bannrecht, d.h. innerhalb einer Bannmeile wurde kein weiteres Mahlrecht vergeben, und dem Mühlenzwang, d.h. die bäuerlichen Untertanen mussten in einer bestimmten Mühle mahlen lassen. Die saftigen Strafen bei Missachtung des Mühlenzwangs zeigen, dass die Bauern mit dieser Pflicht oft nicht einverstanden waren. Aber auch die Wasserrechte waren eine Quelle für Rechtsstreitigkeiten. In Uffhofen z.B. begradigte die Gemeinde zur Franzosenzeit den Wiesbach, um Überschwemmungen zu vermeiden. Dafür wurde ein Wehr errichtet, das noch genug Wasser durchließ, um die untere Mühle am alten Bachlauf weiter in Betrieb zu halten. Als das Wehr 1845 von einem Hochwasser weggespült wurde, verlangte der Müller, die Gemeinde solle es wieder u nterrichten und unterhalten wie seit 1813. Aber die Gemeinde weigerte sich und es kam zu einem langwierigen Prozess.
Ebenfalls am Wiesbach bei Uffhofen liegt die Geistermühle. Obwohl es zahlreiche Schauergeschichten um Mühlen gibt, ist der Grund für die Namensgebung hier wahrscheinlich die sprachliche Verschleifung des Wortes Gesteige (Steigung) zu Geister.
Der heutige Weinbaubetrieb nimmt jährlich am Mühlentag der »Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung« (www.muehlen-dgm-ev.de) teil. An Pfingsten 2004 konnte man das nahezu vollständig erhaltene Mühleninventar wieder einmal besichtigen. Rundherum gab es ein buntes Rahmenprogramm. Man kann aber auch Besichtigungen zu besonderen Zeiten vereinbaren (Tel: 06734/8310).
Wenn man ins telefonische Branchenverzeichnis schaut, findet man heute nur noch einen Mühlenbetrieb in Rheinhessen, nämlich in Gensingen. In einer kurpfälzischen Statistik von 1760 wurden dagegen für die 82 kurpfälzischen Orte im späteren Rheinhessen 777 Wassermühlen und doppelt so viel Bäcker gezählt. Insgesamt gab es aber 190 Dörfer in der Region, also wohl weit über 1000 Wassermühlen an den Bächen Selz, Appelbach, Pfrimm, Wiesbach und Seebach sowie ihren Zuflüssen. Auf 400 Einwohner kamen eine Mühle und zwei Bäcker. Mehr Wissenswertes über Mühlen enthält das im Leinpfad-Verlag erschienene Büchlein »Wassermühlen im Wonnegau« von Brigitte Kazewadel. Dort wird auch der von der Seebachquelle in Westhofen über Osthofen und Eich zum Rhein führende Mühlenweg beschrieben (mehr Informationen bei der IG Seebachmühlen unter Tel: 06242/911410).
Es gibt auch einen Mühlenradweg, der bereits am Weidaser Bach in Dautenheim beginnt und über Eppelsheim zur Seebachquelle in Westhofen und von dort den Mühlenweg entlang nach Gimbsheim am Rhein führt. Ein Faltblatt dazu hält die Rheinhessen-Information bereit (www.rheinhessen-information.de).
Mühlenwanderungen führt auch zweimal im Jahr der Saulheimer Heimatforscher Jakob Heinrich Haas durch. Zum Mühlenforscher wurde er, als er 1978 die Dickmühle kaufte. Später gründete er die »Initiative Volks-, Heimat- und Mühlenkunde Saulheim«. Früher lagen einmal elf Mühlen am Saulheimer Bach, der vom Wörrstädter Neunröhrenbrunnen kommt und bei der Nieder-Olmer Eulenmühle in die Selz fließt. Vier davon gibt es nicht mehr. Bei der Flurbereinigung 1963 wurde der Bach im Übrigen tiefer gelegt. Die Mühlen können so nicht reaktiviert werden, obwohl sie in Zeiten, in denen regenerative Energien hoch im Kurs stehen, als historische Modelle betrachtet und zur Energieversorgung wieder in Betrieb genommen werden könnten. Das Ende der rheinhessischen Mühlenbetriebe begann jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit der Konzentration auf wenige große Industriemühlen wie in Worms. Diese wurden ih rerseits im 20. Jahrhundert von Konkurrenten aus anderen Regionen verdrängt, so dass auch der Mühlenstandort Worms schon wieder Geschichte wurde.
Müller ist aber immer noch der häufigste deutsche Name, danach der mit ihm beruflich und früher auch in einer Zunft verbundene Bäcker. Dazu kommen verwandte Berufe, die sich im Namensbereich als Weizsäcker (Müllerknecht) oder Ölschläger (Ölmüller) niedergeschlagen haben. Die romantischen Lieder von der Wanderlust des Müllers und von der klappernden Mühle am rauschenden Bach sind Volkslieder geworden. Wenn man will, kann man die naturnahe Nutzung mit ihren Geräuschen immer noch hören, wenn davon gesungen wird. Die oft einsame Lage der Mühlen hat die Müller zu Individualisten gemacht, die Technik und Natur oft gleichnah waren. Dieses Bild findet sich auch in der Literatur. So erzählt der 1907 verstorbene Nieder-Olmer Schriftsteller Wilhelm Holzamer in »Die Freite« vom kauzigen Ecklocher Müller Paul Ludwig: »Seit Jahren war er nicht aus seiner Mühle herausgekommen. Um die Menschen kümmer te er sich gar nicht. Er hatte nur seine Mühle, das Feld, die Wolken und die Pfeife. Er war ein Wetterkenner...Wenn der Paul Ludwig sagte, dass es zur Kirchweih regnen werde, so konnte man ganz sicher sein, dass es eintraf...Er beobachtete alles, die Kleeblüte und den Bienenflug, die Vogelstimmen und den Nestbau der Vögel...Außerdem putzte er die Schwarzwälder Uhren aus, wenn sie stehen geblieben waren, und ölte sie auch ein. Er konnte alles. Nichts, was er nicht hätte bosseln können. Er reparierte sogar den Musikanten des Dorfes ihre Instrumente.«
Mühlen und Bäckereien sollen aber auch bereits im alten Rom als »Orte der Prostitution« (Kazenwadel, S. 22) gegolten haben, der »Akt des Mahlens als Synonym für den Geschlechtsakt«. Nicht ohne Vorbild ist damit das Cabaret »Moulin rouge« in Paris. Aber auch in Mainz gab es ein Gasthaus-Bordell an der Müllerpforte, »die roth« genannt, von dem es in einem Gedicht von Johann Haselbergk heisst: » Die schiffleut farent gar behentz/den rheinstrom auff und ab gen Meyntz;/So bald das Schiff kumbt an zu landt,/so ist die roth vor hin bekannt./Dernach gont sie zu schiff an rhein,/bei der mühlenporthen kerens ein,/da leben sie erst in dem saus,/den sauren weyn trinckent sie auß.« (Kazenwadel, S.22/23). Es ist den Fließen des Wassers, das solche Bilder generiert. Das Klappern der Mühlenräder bringt die Knochenbau dazu. Das Feste und das Flüssige sind zwei Elemente, die gleichermaßen den Menschen und die Mühle bestimmen. Und Urbilder vergehen nicht, wenn ihre zeitweiligen Heimstätten vergehen: Sie suchen sich dann eben neue Orte.
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