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Narrenkappe und Jakobinermütze - Rheinhessen und die französische Revolution
Der konservative Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl zeigte sich in seinem Buch »Die Pfälzer« (1857) erstaunt, dass man in dieser Landschaft den Franzosen trotz der Verwüstungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg von 1689 eher positiv gegenüberstand. Gleiches kann auch für Rheinhessen im 19. Jahrhundert beobachtet werden. Hintergrund sind die Aufklärung und die französische Revolution, die am Rhein zunächst freudig begrüßt wurden und erst dann zunehmender Skepsis Platz machten, als auch die Pariser Revolutionsregierung die altbekannten nationalen Ansprüche an eine Ausdehnung des französischen Territoriums bis an die Rheingrenze erhob und der Terror der Guillotine die freie Meinungsäußerung zur Farce verkommen ließ. Der in Wendelsheim geborene Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) schildert die Hoffnungen der Landbevölkerung, die sich an die Entwicklung in Lothringen und in der Champagne knüpften: »Der Ackerbau blühte hier sichtbar. Die Gärten waren gut angelegt, und die Dörfer verrieten den Fleiß und den Wohlstand der Bewohner. Ich habe mich mit Lothringern mehrmals unterhalten und mit Vergnügen vernommen, dass sie durch die Revolution von jeder Seite durchaus gewonnen hätten. Die schrecklichen Abgaben, sagten sie, wären nicht mehr; jetzt könnten sie auch an sich denken, bauen, andern aushelfen, ihres Lebens wie ihrer Arbeit froh werden, einen Notpfennig ersparen - kurz, sie fühlten jetzt, dass sie Menschen wären und nicht mehr Sklaven des Edelmanns und der Priester.« So verwundert es nicht, dass die Mainzer Republik 1792 in zahlreichen Dörfern der Region im Rheinknie große Unterstützung fand. In Wöllstein, wo bereits zuvor ein aufklärerischer Lesezirkel um den Badenheimer Bauerndichter Isaak Maus bestanden hatte, gab es ein fast einstimmiges Votum für die erste Republik auf deutsch em Boden. Das veranlasste den Mainzer Jakobiner Friedrich Lehne, auf die Melodie der Marseillaise das »Lied des freien Wöllsteiners« zu dichten: »Wir pflügten willig unsre Äcker/viel träge Prasser nährten wir;/doch seht, sie wurden immer kecker,/erniedrigt waren wir zum Tier./Geblendet von dem schnöden Glanze,/den ihnen unser Fleiß verschafft,/war stolz und stark durch unsre Kraft/manch fetter Pfaff, manch geiler Schranze./Wohlan, die Wahl ist leicht!/Nur Freiheit oder Tod;/weh dem, Fluch dem,/der es je wagt und unsrer Freiheit droht!« Laukhard vermutete: »Man muß, dünkt mich, bei einer Revolution nicht die vornehmen Kasten der Städter fragen, welche bloß vom alten Systeme, von den Vorurteilen, dem Aberglauben und dem Luxus der Nation sich zu nähren vorher gewohnt waren. Man frage den Landmann, den Handwerker, kurz die erwerbende Klasse, nicht die verzehrende.« Das erklärt auch, warum die revolut ionäre Stimmung in dem Augenblick nachließ, als die französischen Truppen begannen, sich in alter Manier aus dem besetzten Land zu »ernähren«. Es erklärt aber auch, warum die darauf folgende napoleonische Zeit, in der man - nicht mehr freiwillig - französisch geworden war (1795-1816) bis weit ins 19. Jahrhundert positiv und nachhaltig wirkte. Der »Code Napoleon« und in seiner Folge die so genannten rheinischen Institutionen garantierten Gewerbefreiheit, mit Bürgern besetzte Geschworenengerichte, eine neue Besitzverteilung und den gesellschaftlichen Aufstieg bisher benachteiligter Bevölkerungsschichten über Bildung, Militär und Beamtentum. Das wollten die »Gewinner der Revolution« natürlich nicht wieder an die preußisch-österreichische Restauration verlieren. Und so kam es denn auch, dass die Revolution von 1848/49 ihren Beginn an Mittel- und Oberrhein hatte, immer mit der Richtung einer Verteidigu ng des Besitzstandes und der Rechte und immer auch mit einem starken Element sozialer Verantwortung, aus dem dann die im Linksrheinischen früh konturierte Arbeiterbewegung erwuchs. Diese Verbindung zwischen den Achtundvierzigern und der Sozialdemokratie um 1900 in Rheinhessen beschreibt der Nieder-Olmer Schriftsteller Wilhelm Holzamer in seinem Roman »Der Entgleiste«.
Aber die Nähe zu Frankreich findet sich auch in der Mundart. Wenn eine Landstraße »Chaussee« genannt wird, dann hat das auch einen ganz konkreten Bezug zur »Pariser Chaussee«, die 1808-11 auf Anordnung Napoleons von Mainz über Alzey und Kaiserslautern nach Paris gebaut wurde. Für die schnurgerade Planung der modernen Technik mussten alte Siedlungsstrukturen fallen, wie die Bischofsburg in Nieder-Olm: Aus einer Gemeinde mit einem Ortskern wurde ein Straßendorf. Die Lust am Fortschritt hat die Klage über seinen eindimensionalen Charakter in Rheinhessen stets begleitet, wie die Bemerkung des jakobinisch gesinnten Saulheimer Bürgermeisters Johannes Neeb zeigt, es tue ihm leid um die Burg, sie habe »dem Orte ein pittoreskes Ansehen« verliehen.
In jüngster Zeit hat man in Dörfern wie Albig und Mauchenheim die alten innerörtlichen Fußpfade wieder gangbar gemacht. Man nennt sie »Reilscher«. Das kommt von »Rueille« (kleine Straße/frz. la rue). Trottoir (Bürgersteig), promeniere (spazieren gehen), Chaise (Kutsche/Fahrzeug) oder Mick (Bremse/von frz. mécanique) sind weitere »französisch-stämmige« Wörter aus dem Verkehrsbereich. Wilfried Hilgert hat in seinem Buch »Wuleewu Kardoffelsupp?« viele weitere Beispiele gesammelt. Der Volksmund lernt die Fremdsprache gern über kleine gereimte Sprüche, die sich gleichzeitig auch ein wenig über die Sprachsituation »zwischen den Stühlen« lustig machen, z.B. »Wuleewu (Voullez-vous) Kardoffelsupp awek febrannde Kleeß?/Naa, Madam, die will isch net, die simmer veel zu heeß.« Oder: »Le boeuf - der Ochs, la vache - die Kuh:/Fermez-la-porte, die D ier mach zu!«
Auch in der Saalfastnacht finden sich Reste der französischen Zeit. In seinem Buch »11mal politischer Karneval« hat Anton Maria Keim darauf hingewiesen, dass insbesondere die Mainzer Saalfastnacht mit Büttenrede, Comité und Narrenkappe (Parlamentsrede, Jakobinerclub bzw. Lesegesellschaft/Verein und Jakobinermütze) die revolutionären Freiheitsrechte imitiert. Dazu passt auch so etwas wie die närrische Erstürmung des Rathauses, wiewohl das Spiel mit der »verkehrten Welt« bereits römische und mittelalterliche Wurzeln hat. Kein Wunder auch, dass viele Mainzer Fastnachter der Anfangszeit auch Achtundvierziger waren, so Franz Zitz oder Ludwig Bamberger. Sie alle wehrten sich vor allem gegen die Zensur der »Mainzer Kommission«, die auf der Zitadelle hauste und die politische Kontrolle im gesamten Deutschen Bund ausübte.
Die französischen Elemente in der Mundart wurden belebt durch die Besatzungszeiten nach dem ersten und zweiten Weltkrieg, wiewohl die rigide, auf Annexion ausgerichtete Politik Frankreichs vor allem in den 20er Jahren auf starke Ablehnung in der Bevölkerung stieß und den seit 1870/71 immer stärker werdenden Nationalismus auf unselige Weise beförderte. Mittlerweile haben englische Vokabeln in der sich regionalisierenden Mundart den französischen Anteil der alten Dorfmundart weitgehend verdrängt.
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