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Ökoweinbau in Rheinhessen
Der schonende Umgang mit der Natur ist das Hauptziel des ökologischen Weinbaus. Er baut auf das natürliche Zusammenspiel von Boden, Klima und Rebe auf. Wichtig ist die Erhaltung und Steigerung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit durch Kultur- und Begrünungsmaßnahmen. Es werden keine chemisch synthetisierten Dünger, wie z. B. mineralische Stickstoffdünger eingesetzt. Des Weiteren ist der Einsatz von Herbiziden, synthetischen bzw. organischen Fungiziden und Insektiziden verboten. Der Pflanzenschutz beruht hauptsächlich auf der Stärkung der Rebe durch entsprechende Erziehungs- und Kulturmaßnahmen und darüber hinaus durch natürlich vorkommende Pflanzenstärkungs- und Pflanzenschutzmittel. Ein weiterer Schwerpunkt der ökologischen Bewirtschaftung ist die Förderung und Erhaltung der Artenvielfalt im Ökosystem Weinberg. Die Begrünung ist artenreich und die Einsaat von blühenden Pflanzen dient der Förderung von Nützlingen. All diese Maßnahmen dienen der Erzeugung möglichst gesunder Trauben, die die Voraussetzung für gute Weinqualitäten darstellen. So wenig wie möglich und so viel wie nötig lautet die Prämisse im Keller, um aus möglichst gesunden, vollreifen Trauben beste Weinqualitäten zu erzeugen. Viele Ökowinzer setzen in der Kellerwirtschaft neben modernen Weinbereitungsverfahren gezielt wieder traditionelle Methoden ein, greifen in die verschiedenen Phasen der Weinbereitung und Reife nur ein, wo es erforderlich ist und geben dem Produkt die nötige Zeit zur Entwicklung und Reife. Energieeinsparung und der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser und Abwasser sind dabei die Grundsätze eines umweltgerechten Handelns.
Die rheinhessischen Ökowinzer gründeten 1983 den ersten Verband ökologisch arbeitender Winzer ECOVIN in Deutschland. 11 Winzer waren es, die sich 1983 zum »Ring ökologisch arbeitender Winzer Rheinhessen e.V.« zusammengeschlossen haben. Sie glaubten im Gegensatz zu vielen Kollegen damals daran, ohne chemisch synthetische Spritzmittel und ohne leicht lösliche Mineraldünger im Weinberg auszukommen.
1985 gründete sich der Bundesverband Ökologischer Weinbau e.V., kurz BÖW genannt. Im Gründungsjahr wurden erstmals die strengen Richtlinien des Verbandes veröffentlicht, die die EU-Vorgaben übertrafen und in ihren Grundzügen bis heute gültig sind. Die Jahre 1990 bis 1995 können sozusagen als Entwicklungsphase angesehen werden. Das ECOVIN Markenzeichen wurde für alle ökologisch erzeugten Weine der Mitglieder des BÖW eingeführt, was die Mitgliederzahl rasant ansteigen ließ. Erfahrungen wurden in Veröffentlichungen, Seminaren und auf Kongressen weitergegeben. In den letzten Jahren organisierte sich der Verband zunehmend professioneller. Die ökologischen Grundsatzfragen waren geklärt, die Kunst der Weinbereitung konnte stärker in den Vordergrund rücken.
In Ingelheim, wo derzeit gleich fünf ECOVIN-Mitglieder beheimatet sind, wurde sogar der erste ECOVIN-Ortsverband gegründet. Neben den Ecovin-Betrieben gibt es Mitgliedsbetriebe in weiteren Öko-Verbänden wie Naturland, Demeter und Bioland. Insgesamt sind es etwa 70 Betriebe, die in Rheinhessen ökologischen Weinbau betreiben. Sie sind gleichmäßig über das Anbaugebiet verteilt und bewirtschaften mittlere bis größere Betriebe, die im Durchschnitt zwischen fünf und zehn Hektar groß sind. Insgesamt werden ca. 650 ha Rebfläche in Rheinhessen ökologisch bewirtschaftet, wobei die Fläche ständig wächst. Das entspricht zwar nur einem Anteil von ca. 2,5% der rheinhessischen Rebfläche, ist aber mehr als z. B. das gesamte Anbaugebiet Ahr oder Mittelrhein an Rebfläche hat. In Rheinhessen sind die größten Öko-Weingüter Deutschlands zu finden: Hirschhof (Westhofen), Wittmann (Westhofen), Knobloch (Ober-Flörsheim) mit jeweils etwa 30 ha. Die Qualität der Öko-Betriebe in Rheinhessen zeigt sich in vielen Verkostungen wie z. B. Wittmann, der im Gault Millau mit 4 Sternen erwähnt wird. Etwa die Hälfte der Betriebe vermarktet ihre Weine ausschließlich direkt oder über den Weinfachhandel, die andere Hälfte ist in einer Erzeugergemeinschaft organisiert, die die Weine auch über den LEH vertreibt.
Rheinhessen hat in Bezug auf die Umstellung zum Ökoweinbau gewiss einen klaren Standortvorteil, da die Niederschläge im Vergleich zu anderen Anbaugebieten relativ gering sind und dadurch kein hoher Infektionsdruck durch Pilzkrankheiten herrscht. Zur Vermeidung von Pilzkrankheiten setzen die Betriebe seit einigen Jahren auch auf die so genannten interspezifischen Rebsorten wie beispielsweise Regent als Rotweinsorte oder Phönix als Weißweinsorte. Der Rotweinanteil ist im Allgemeinen sehr gering, die Sortenvielfalt im Weißweinbereich sehr groß, wobei Silvaner und Riesling am weitesten verbreitet sind. Ingelheim bildet mit einem sehr hohen Rotweinanteil (vorwiegend Spätburgunder) wiederum eine Ausnahme.
Erzeuger, die ihre landwirtschaftlichen Produkte als Bio-Produkte bezeichnen und vermarkten wollen, müssen sich einem Kontrollverfahren nach der EU-Öko-Verordnung unterziehen. Bei Zugehörigkeit zu einem Öko-Anbauverband kommt eine weiterführende Kontrolle auf Einhaltung der gültigen, noch strengeren Verbands-Richtlinien hinzu. Alle Ergebnisse werden in einem Kontrollbericht schriftlich dokumentiert. Auf Grundlage des Kontrollberichtes erhalten die Betriebe ein Auswertungsschreiben, worin alle Maßnahmen genannt werden, die die Betriebe künftig einhalten müssen, um eine Bewirtschaftung ihres Betriebes nach EU-Öko-Verordnung sicherzustellen. Verstöße gegen die EU-Öko-Verordnung und / oder die Verbandsrichtlinien können so aufgedeckt und konsequent sanktioniert werden. Die ECOVIN-Zertifizierungskommission prüft jährlich in enger Zusammenarbeit mit den Kontrollstellen alle Kontrollergebnisse und leitet daraus eventuell notwendige Maßnahmen und Beratungen für die Betriebe ab. Ein ECOVIN-Betrieb wird auf diese Weise jährlich sowohl nach der EU-Öko-Verordnung als auch nach den ECOVIN-Richtlinien neu zertifiziert. Erst nach erfolgreichem Abschluss des Prüfverfahrens erhalten die Weinbau(-betriebe) 2 Zertifikate; das EU-Zertifikat, ausgestellt durch die beauftragte Öko-Kontrollstelle und zusätzlich das Verbands-Zertifikat von ECOVIN. Die EU-Öko-Verordnung schreibt vor, dass jeder Betrieb mindestens einmal im Jahr das aufwändige Kontrollverfahren durchläuft. So wird jeder Ökobetrieb mindestens einmal im Jahr innerhalb einer angemeldeten Hauptkontrolle geprüft, 10% aller Betriebe werden noch einmal unangemeldet kontrolliert.
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