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Orgellandschaft Rheinhessen
»Er hatte alle Register eingeschoben bis auf die vox humana und einen Baß - und nun schlug er unisono eine schlichte Folge von Tönen an, hielt jeden fest und sicher aus und fasste zuletzt einen Akkord, den er sacht verklingen ließ. Es war wie ein Verbluten, ein Seufzen. Oder es mochte wie ein Vergehen und Weinen sein.« Der aus Nieder-Olm stammende Schriftsteller Wilhelm Holzamer (1870-1907) beschreibt in seiner Erzählung »Sein letztes Hochamt« den Abschied eines Organisten von seinem Instrument. In der Figur des Protagonisten spiegelt er das Schicksal seines Großvaters, der als 48er Demokrat in Konflikt mit der Schulbehörde des Erzbistums geraten war und den Dienst quittieren musste. Die Orgel, um die es sich handelt, lässt sich ebenfalls identifizieren. Es muß das 1807 aus der Mainzer Armklarenkirche in die katholische Pfarrkirche von Nieder-Olm verbrachte und um 1770 gebaute Instrumente aus der Mainzer Orgelbauwerkstatt Kohlhaaß sein, das heute noch vor Ort zu finden ist. Vater und Sohn Kohlhaaß bauten zahlreiche Orgeln im Rheingau und in Rheinhessen. In Budenheim fand man bei Restaurierungsarbeiten ein Pergament mit der Botschaft: »Anno 1747 habe ich Johan Kohlhaaß/Orgelmacher deß hohen Thomstifttß von Mäntz/dißes Orgelwerck verfertigt zur hechsten/Ehre Gotteß.« Weitere Kohlhaaßorgeln stehen in Groß-Winternheim, Schwabenheim und Nackenheim.
Eine Orgel im Mainzer Dom ist erstmals aus dem Jahre 1334 bezeugt. Hans Tugi, auch Hans von Basel genannt, baute vermutlich 1514 die erste nachweisbare Langhausorgel. 1563 erhielt das langhaus erstmals eine »Schwalbennestorgel« im Mittelschiff gegenüber der Kanzel. Heute gliedert sich die Orgelanlage des Domes in drei Teile, die 1928 durch die Firma Kemper umgestaltete Klais-Orgel im Westchor, andere Elemente der Klais-Orgel auf der Südempore und an der Nordwand sowie eine Kemperorgel von 1960 im Ostchor. Dazu kommen die hoch oben in der Glöcknerstube befindlichen »Kardinalstrompeten«, die den Bischof bei hohen Feiertagen willkommen heißen.
Zahlreiche Orgeln in Rheinhessen, in ganz unterschiedlichen Größen und Ausstattungen, stammen aus der Werkstatt der Hunsrücker Orgelbauerfamilie Stumm, so in Armsheim, Bechtolsheim, Bornheim, Mauchenheim, Gensingen, Hillesheim, Wörrstadt, Selzen, Alzey (Kleine Kirche), Flörsheim-Dalsheim, Nieder-Wiesen, Freimersheim und Mainz (Augsutinerkirche). In sieben Generationen, zwischen 1714 und 1906/1920, entstanden über 370 Orgeln, von denen 140 erhalten sind. Die Orgel in der Bechtolsheimer Simultankirche beispielsweise stammt von 1756 und wurde von den Brüdern Johann Philipp und Johann Heinrich Stumm aus Sulzbach bei Rhaunen gefertigt. Mit zwei Manualen gehört sie zu den größeren Stumm-Orgeln. Martin Balz schrieb im Heimatjahrbuch des Landkreises Alzey-Worms von 2006: »Bald nach der Einweihung beschloss der Kirchenrat 1757, dass auch die Lehrer (zu deren Amt der Organistendienst gehörte) die Orgel außerhalb der Gottesdienste nicht spielen dürften, um das neue Werk nicht zu schädigen.« (S.49) »Historische Orgeln mit Musik ihrer Zeit« heisst eine CD, die Carsten Lenz (Wiesbaden) auf der Gensinger Stumm-Orgel (1774/79) eingespielt hat, »Fingerstreit« eine CD, mit denen Christian Schmitt (Worms) die Stumm-Orgeln in Armsheim, Bornheim und Freimersheim vorstellt.
Aber in Rheinhessen finden sich nicht nur Barockorgeln, sondern auch Instrumente der Moderne. So steht seit 1997 in der Alzeyer Nikolaikirche eine Orgel aus der Werkstatt Rudolf von Beckeraths (1907 - 1976). Der in Hamburg aufgewachsene Orgelbauer baute in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts Instrumente in aller Welt, so in Cleveland, Kiruna, Montreal, Sydney und Dubrovnik.
Mit Orgelfestwochen und einem Buch unter dem Titel »Faszination Orgel« feiert man an der Oppenheimer Katharinenkirche zur Zeit die neue Orgel aus der Werkstatt von Gerald Woehl. Nach Berufsjahren in Frankreich, in denen er mit Olivier Messiaen und Le Corbusier zusammenarbeitete, eröffnete Woehl eine Meisterwerkstatt in Marburg. Einen Höhepunkt in seiner Tätigkeit war der Neubau der Bach-Orgel in der Leipziger Thomaskirche im Jahre 1998. Katrin Bibiella schreibt in »Faszination Orgel«: »Das Klangbild der Woehl-Orgel in Oppenheim wird von Gegensätzlichkeiten belebt sein. Diese Orgel wird eine große, aufwühlende Klangmacht ebenso wie beruhigende, meditative Ausdrucksmöglichkeiten besitzen. Ein wichtiges Element wird ihr Reichtum an poetischen Klangfarben sein.« (S.75). Das schön aufgemachte Buch enthält Beiträge zu theologischen Aspekten der Musik, zur Bedeutung der Orgel in der reformatorischen Tradition und zu den früheren Orgeln vor Ort. Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator: »Als gotischer Kathedralbau bietet die Katharinenkirche eine beeindruckende Akustik, die sich gegen alle Versuche, optische Botschaften zu übermitteln, als dominant erweist. Hier ist gut singen, und es ist leichter als sagen. Hier ist gut musizieren, und es ist leichter als mit Bildern oder Gesten darstellen. Entgegen dem, was sonst gerade in unserer Gesellschaft in Mode ist, gibt die Katharinenkirche der akustischen Botschaft den Vorrang vor dem gesprochenen Wort. Das der Katharinenkirche angemessene Instrument ist die Orgel.« (S.130)
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