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Ortsneckereien und Schimpfworte in Rheinhessen
»Der sprachliche Reichtum wird, wie bei jeder Mundart, auch im Rheinhessischen oft hervorgehoben«, schreibt Wilhelm Hoffmann 1932 in seiner »Rheinhessischen Volkskunde«. Er bestehe darin, dass für dasselbe Ding oder für denselben Vorgang zahlreiche Bezeichnungen vorhanden seien. Ortsneckereien und Schimpfwörter belegen diesen Variantenreichtum. So ist in Rheinhessen die Gleichheit seit Alters her ein wichtiger Maßstab im Alltag, sei es durch die Realteilung im Erbrecht (Erben zu gleichen Teilen) oder durch den Einfluss der französischen Republik auf politische Verfassung und Mentalität. »Mer strunze net, mer hunn«, heisst ein beliebter Spruch, der zwar Ungleichheit im Besitz nicht ausschließt, aber doch das damit Angeben. Kein Wunder also, dass dieses Thema häufig in den meist aus den Nachbarorten stammenden Uznamen der Dörfer - uzen heisst necken - eine große Rolle spielt. Die Partenheimer, Hochborner und Biebelnheimer nennt man daher abfällig »Strunzer«. Von den Biebelnheimern erzählt Hans-Jörg Koch in seinem Buch »Blarrer, Zappe, Leddeköbb«: »Wenn ein Mann aus Biebelnheim zu Fuß nach Alzey ging, steckte er sich vor der Ortschaft Gau-Odernheim als Zeichen angeblichen Wohlstandes eine dicke Zigarre an, drückte sie aber hinterm Ortsausgang wieder aus, um sie dann vor der Stadtgrenze von Alzey wieder anzuzünden.« Im Vorwurf steckt auch immer das Entlarvungspotenzial: Reichtum wird nur vorgetäuscht. Diese Perspektive steckt wohl auch hinter dem Wortspiele: »Engelstadt - Deiwels Stadt, große Schissele unn doch net satt.« Der Uzname »Wind«, d.h. einer, der viel Wind macht, wird gleich mehreren Gemeinden zugeschrieben, so Wolfsheim, Alsheim, Aspisheim, Jugenheim, Nieder-Olm, Undenheim und Wörrstadt. Die Bewohner des Marktfleckens Wörrstadt - früher auch einmal Kantonssitz und größer als die Umlandgemeinden - werden darüber hinaus auch als »Hochsaicher« (Hochpinkler) bezeichnet, ganz nach dem Spruch »Mid de große Hunde pisse gehe wolle, awer s'Baasche (Beinchen) net hewe kenne (heben können)!« In eine ähnliche Richtung geht schließlich die Apostrophierung von Alsheim, Elsheim und Eimsheim als »Klaa-Paris« (Klein-Paris).
Die Konfessionalität als Merkmal wird aufgegriffen bei katholischen Orten in protestantischem Umfeld wie »Gottes Gabsem« (Gabsheim), »Kreizkebb« (Gau-Bickelheim und Sulzheim) oder »Klaa-Rom« (Abenheim). Die Gimbsheimer heissen »Russe«, weil vier Bürger, die als napoleonische Soldaten in russische Gefangenschaft geraten sein sollen, aus dem Osten die Kunst des Backsteinbrennens mitgebracht haben sollen, die Vendersheimer »Pole« möglicherweise in Erinnerung an die Polenvereine des Hambacher Festes von 1832, die in Rheinhessen flüchtige Rebellen gegen die russische Besatzung Polens aufnahmen und unterstützten.
Viel häufiger gehen die Uznamen aber auf typische Gewäschse der jeweiligen Gemarkungen, so »Bohnebeitel« (Mombach), »Quetsche« (Bechenheim), »Kerschekebb« (Biebelnheim), »Weißäbbel« (Dittelsheim), »Geeleriewe« (Herrnsheim), »Gummere« (Horchheim), »Zwiwweldabscher« (Gonsenheim), »Kabbeskebb« (Frei-Laubersheim, davon auch »Kabbes-Laawerschem«/Kappes = Weißkraut), »Griebeere« (Ebersheim) und »Beerefresser« (Flörsheim). »Beere« (Birnen) kommen überhaupt öfter vor, da sie früher für die Most- und Latwergebereitung eine größere Rolle als heute spielten. So reimten die Uelversheimer: »Mer esse Beere, mer trinke Beere, mer hawwe Beere fer uffs Brot ze schmeere unn hawwen immer noch Beere.«. Häufig sind sind auch Wortbildungen nach Speisen, so »Backeskardoffel« (Framersheim), »Kardoffelbrieh« (Dalheim), »Gänsebrieh« (Dexheim), »Kotlettfresser« (Schwabenheim), »Blutwerscht« (Freimersheim), »Lewwerwerscht« (Dalsheim), »Sauerkraut« (Lonsheim) sowie »Dampnudel« (Mörstadt und Pfeddersheim). »Sandhase« haben Sandgruben in der Gemarkung (Dintesheim, Frei-Weinheim, Ockenheim, Gensingen, Heidesheim, Hechtsheim und Kregsheim), »Staakäuzjer« Steinbrüche (Flonheim) und »Fresch« (Frösche) Wasser (Selzen, Hohen-Sülzen).
Meist sind es Nachbarorte, die sich uzen. Kein Wunder also, dass in der Mainzer Fernsehfastnacht immer die Wiesbadener aufs Korn genommen werden. Wie der Besuch in der Gastronomie des rheinhessischen Hinterlandes zeigt, stehen die Wiesbadener den Rheinhessen auf dem Dorf positiver gegenüber als die Mainzer, die bei Ausflügen lieber von der »äbsch Seit« in den Rheingau wechseln: Was sich liebt, das neckt sich eben. Wenn man den Nachbarort überspringt, beginnt die Entdeckungsreise in unbekannte Urlaubswelten. Die Innenstadt-Mainzer sowie die Gonsenheimer uzen aber auch die Finther und die ihrerseits die Draiser, ein Ausdruck des Stadt-Land-Gefälles. Schon im Mittelalter werden die Bauern von den Höhergestellten gern dumm gescholten. Genauso macht es der Mainzer Städter, wenn er die Alzeyer Gymnasien »Bauernuniversitäten« nennt und behauptet, die Bauern »aus de Palz«, die bei Nieder-Olm anfängt (früher: Kurpfalz), könnten in der Stadt kein Auto fahren. Auf dem Land kontert man diesen Hochmut mit einer besonderen Variante auf den »Narrhalla-Marsch«: »Ritzambaa, ritzambaa, or was hunn die Meenzer Mädscher schebbe Baa!«. Auch soziale Unterschiede schlagen sich hier nieder. Stadtviertel, die um 1900 als soziale Brennpunkte und/oder Arbeiterviertel galten, wurden oft mit Namen aus der Kolonialgeschichte belegt: Türkei (Schwabenheim), Neu-Tobruk (Alzey), Neuseeland (Osthofen), Kongo (Wöllstein), Rifkabylen (Mombach/Bingen) und Kiautschau (Worms); nach 1945 kam »Bronx« in Mode. Kommunistische Viertel hießen in der Weimarer Republik »Klein-Moskau« (Nordend in Worms/Mainz-Bretzenheim). Schließlich gibt es auch ein rheinhessisches Schilda, und zwar in Volxheim. In einer dieser Geschichten wird erzählt, die Volxheimer hätten so gern und ausgiebig geflucht und geschimpft, dass es ihnen der Großherzog in Darmstadt verboten habe.
Und damit sind wir bei den rheinhessischen Schimpfwörter, die Hans-Jörg Koch in seinem Lexikon »Wenn Schambes schennt« (Wenn Jean-Baptiste schimpft) von A bis Z gesammelt hat. Den Reichtum an Schimpfworten in der rheinhessischen Mundart demonstriert man am besten an einem Beispiel. So gibt es laut Koch für den hochdeutschen Begriff »Wichtigtuer« allein 60 Mundartbegriffe. Das deutet daraufhin, dass Wichtigtuerei offenbar in Rheinhessen ebenso weit verbreitet sein muss wie ihre Abwehr. Und die Liste der diesbezüglichen Schimpfworte ist - kunstvoll hintereinander gelesen - reine Lyrik, wenn man einmal vom aggressiven Unterton absieht:
Aachewischer, Aagewwer, Aaschpettche, Affezibbel, Ageeler, Baron, Batzegiggel, Braller, Brulljesmacher, Dackuff, Dagaff, Debbischstrunzer, Forzmajor, Gaukler, Gernreich, Graf Rotz uff Tallje, Großmogul, Großsaicher, Hemdeforzmajor, Hochbrunser, Hochgestochener, Hochsaicher, Iwwergescheider, Iwwergeschnabbder, Ooregansert, Orakeler, Parrer Bloßaasch, Pidschedabscher, Prinz Bibbi, Puddegoggel, Pudderich, Raawemelker, Rieraasch, Säwelrassler, Schlabbmaul, Schnuller, Schnösel, Schwadronör, Sparregockes, Spugges, Staches, Strumzbeidel, Strunzer, Uffgeblose Kellerwanz, Uffgeblosener, Worschtahtlet.
Bleibt zu fragen, ob uzen und schimpfen überhaupt politisch und moralisch korrekt sind. Darauf gibt es zwei einfach Antworten:
Ja, solange das Wortgefecht die körperliche Gewalt ersetzt.
Ja, wenn der Initiator Spaß versteht und sich selbst uzen und schimpfen lässt.
Für beide Fälle gibt es Regeln und Intensitäts-Grade. Uzen und Schimpfen sind also eine Kunst, die allerdings leicht aus dem Ruder läuft, vor allem heutzutage, wo häufig zwar die Worte, nicht aber die Regeln weitergegeben werden. Die aber gehören dazu. Lernorte können die Fastnacht, der Stammtisch und die Fankultur sein, jedenfalls solange es sich dabei um Kultur handelt.
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