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Von Eiern, Hasen und Lämmern - Osterbräuche in Rheinhessen
Während im romanischen Sprachraum Ostern mit Blick auf die Karwoche als Passionszeit gekennzeichnet ist (frz. Paques/ital. Pasqua), spricht man in germanischen Sprachtraditionen von Ostern (engl. Easter) und betont damit die Freude über die Auferstehung. Ein von den Gebrüdern Grimm angenommener Bezug zu einer germanischen Göttin Ostara ist nicht nachweisbar. Vielmehr hängt das Wort Ostern etymologisch mit dem Wort Osten zusammen und steht damit für die Morgenröte und das Erwachen. Das Ei ist ein Symbol für das Leben. Bereits in einem römischen Grab vom Anfang des 4. Jahrhunderts nach Christus, das man in Worms entdeckt hat, fand man mit Streifen und Tupfen bemalte Gänseeier. Während der Fastenzeit war das Essen von Eiern verboten und am Karsamstag fand die Eier- und Speiseweihe statt. Von Ostereiern spricht man erstmals 1615 in Straßburg. Auch den Osterhasen kennt man seit 1682 in der Pfalz und im Elsass. Es hat aber bis zur industriel len Fabrikation von Schokoladenhasen im 19. Jahrhundert gedauert, bis er sich als dominierendes Ostertier durchgesetzt hat. Vorher galten auch Hahn, Storch, Fuchs, Kuckuck oder Auerhahn in deutschen Regionen als Ostertiere. In der antiken Tradition war der Hase der Liebesgöttin (Aphrodite/Venus) geweiht. Während er in der mittelalterlichen Westkirche als Sinnbild animalischer Fruchtbarkeit galt und der Genuss von Hasenfleisch im 8. Jahrhundert sogar einmal einige Zeit verboten wurde, sah ihn die Ostkirche als Christussymbol. Dass er mit offenen Augen schlafen konnte, deutete man als Bild für die Auferstehung, die Überwindung des Schlafs als des kleinen Todes. Frühe bemalte Eier zeigen übrigens öfter das Bild von drei an den Ohren miteinander verbundenen Hasen, was für die Dreifaltigkeit stehen soll.
Aber das eigentlich christliche Ostersymbol ist das Lamm, abgeleitet vom Bild des Christus als dem Opferlamm, bzw. aus dem älteren jüdischen Ritus des Pessachfestes. Am Seder (hebr. Abend) des Pessach (um Ostern gefeiert) wurde früher in Erinnerung an den Exodus aus Ägypten ein Lamm verzehrt. Heute sind Mazzah (ungesäuertes Brot) und Maror (Bitterkraut) charakteristische Speisen dieses Festes. An das Lamm-Symbol knüpft ein Brauch an, der von Wilhelm Müller in seinem »Rheinhessischen Heimatbuch« von 1921 berichtet wird: »In Gau-Odernheim war es früher üblich, dass die Bewohner am Ostersonntag auf den Petersberg stiegen, um das Osterlamm zu erblicken und die Sonne hüpfen zu sehen. Ein ähnlicher Brauch bestand in Stadecken, wo die Schuljugend und anderes gläubiges Volk am Morgen des ersten Ostertags ins Feld hinausgezogen und sich »auf der Höll« versammelten, um die tanzende Sonne zu sehen. Nach der Volk smeinung tanzte die Sonne nämlich aus Freude über die Auferstehung Jesu.« Das Bedürfnis, aus Freude zu tanzen, fand offenbar keinen Ort im kirchlichen Osterritual. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« (1927) berichtet, die Wendelsheimer hätten aus verhackten Eiern und Fleisch Lämmchen gebacken, die mit einer zu weihenden Siegesfahne versehen worden seien. Das sei ebenso heilsam gewesen wie das Osterwasser: »In Partenheim ist der Osterborn mit heilsamem Wasser, dem anderwärts noch Pfingst- und Johannisborn zur Seite stehen.« (W. Hoffmann, Rheinhessische Volkskunde, S. 245).
Eier wurden und werden aber nicht nur versteckt. Von Siefersheim wird berichtet, dass es einen Eiermarkt gegeben habe, dessen Höhepunkt das »Eierpecken« (auch Eierkippen oder Stutzen genannt) gewesen sei. Dabei wurden die Eier mit den Spitzen aneinandergestoßen. Wurde die Spitze eingedrückt, konnte man mit der Breitseite weitermachen. War auch diese beschädigt, wechselte das Ei den Besitzer. Als besonders hartschalig galten die Eier von Hof Iben. Erinnert wird auch an Betrügereien mit Gipseiern.
In katholischen Gegenden werden von Mittwochabend bis Karsamstag keine Glocken geläutet, um Trauer zu zeigen. Die rheinhessische Mehrkonfessionalität fand ihren Ausdruck darin, dass auch in der reformierten Kurpfalz zwischen 1706 und der französischen Revolution von Staats wegen das Glockenläuten in dieser Zeit verboten war, um die Katholiken nicht zu verärgern. Diese wurden von umherziehenden Jungen mit Ratschen oder Klappern zum Gottesdienst gerufen. Wilhelm Hoffmann berichtet in seiner »Rheinhessischen Volkskunde« (1932) vom antijüdischen Brauch des Judasverbrennens am Karsamstag, der in Bretzenheim bei Mainz bis in die 1860er Jahre üblich gewesen sei. Zur Zeit der Niederschrift gebe es diesen Brauch andernorts immer noch; Hoffmann macht dazu allerdings keine Ortsangaben. Umstritten sei die kirchliche Feier von Gründonnerstag und Karfreitag gewesen: »Die Lutheraner wollten beide Tage ganz gefeiert haben: ihr Pfarrer von Wöllstein klagt 1747, dass der Gründonnerstag von Reformierten und Katholiken, der Karfreitag von den ersteren allein entheiligt werde mit Fahren, Ackern, Grasen.« (Hoffmann, S.246) Kritisiert werde bis ins 20. Jahrhundert hinein das Kuchenbacken und Eierfärben am Karfreitag.
Eiersuchen und Schokoladenhasen als Ostergeschenk sind heute die Regel. Ein neuer Brauch ist das mittlerweile weit verbreitete Ostereischießen, das Schützenvereine in Alzey, Gabsheim, Bechtolsheim und Flörsheim-Dalsheim anbieten. Dazu gekommen sind auch Ostermärkte wie in Westhofen, die unzählige Formen kunstvoll bemalter Eier sowie Ostergestecke zur Schau stellen. Dass die Rheinhessen dem Brauchtum in der Regel mehr Nützliches als Sinngebendes abgewinnen, zeigt der aus der Zeit vor etwa 100 Jahren überlieferte Kinderreim: »Isch waaß was, isch waaß/s'Hinkel is kaa Has./Die Mudder färbt die Ajer/unn de Vadder leht se ins Gras.« Auch aufgeklärte Kinder verzichten nicht gern auf Ostergeschenke, den Reiz des geheimen Verstecks, freie Zeit und ein gutes Essen. Nur die Freude über Frühjahr, Morgenröte und Auferstehung ist verloren gegangen oder doch mehr zufällig. Ostern hat auch im Kirchenjahr in Rheinhess en nicht die Bedeutung von Weihnachten mit der Wintergeburt des Christuskindes. Vielleicht fehlt das Tanzen oder das gemeinsame Essen und Feiern im Freien, wie es in Osteuropa Brauch ist. Bräuche können schließlich auch neu initiiert werden, wenn sie Bedürfnisse treffen und Sinn geben.
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