Inhalt
Regionale Baukultur
Baukultur in Rheinhessen - viele Gesichter und dennoch ausdrucksstark
»Köln ist eine gotische Stadt, die sich in der romanischen Epoche verspätet; Frankfurt und Mainz sind zwei gotische Städte, die bereits in der Renaissance, ja an vielen Stellen sogar im Rokoko und chinesischen Geschmack versunken sind... Zu Mainz und Frankfurt hat die Rubens-Baukunst, die geschwellte strotzende Linie, die reiche flämische Laune die dichte unentwirrbare Vegetation der Gitterwerke, beladen mit Blumen und Tieren, die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Eckchen und Türmchen, ... der übermäßige übertriebene und ausschweifende Zierrat, kurz der glänzende schlechte Geschmack seit Beginn des 17. Jahrhunderts die Stadt überfallen.« So schreibt der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) in seinem 1842 erschienen Rheinreise-Buch. Wie alle Romantiker setzte er aufs Mittelalter und lehnte die moderneren Moden von Renaissance über Rokoko bis Barock ab. Aber sein Bild von Mainz ist längst durch die Geschichte korrigiert. Die Bombenangriffe von 1945 haben das Gesamtbild einer barocken Residenzstadt weitgehend zerstört. Wie überall in Rheinhessen zeigt auch Mainz durch die mehrfachen Kriegszerstörungen - bereits 1618-48, 1689 und 1792/93 - ein Nebeneinander vieler Baustile und -epochen, oft sogar als immer neue Überbauung alter Substanz. Und der Wiederaufbau hat sich überwiegend am Mittelalter orientiert und die romanischen und gotischen Kirchen des Siedlungszentrums in Szene gesetzt, allerdings befreit von Anbauten und dem buntem Drumherum des Mittelalters - eine romantische Illusion eben, die sich fortsetzt im wilhelminischen Historismus der Stadtgräben und Vorstädte. Dazwischen findet man vereinzelt das Aufleben vegetativer Fülle im Darmstädter Jugendstil der Jahrhundertwende um 1900. Die Postmoderne greift die Gliederung der Fassaden und den Mix der Baustile gern wieder auf und setzt ihn gegen den nüchternen Funktionalismus der Bauhaustradition.
Die Situation der Städte spiegelt sich in der Baustruktur der Dörfer, teils als Nachahmung, teils als gleichzeitiger Reflex auf die Geschichte. Für das heute in den Dorfkernen rund um Kirchen und wenige Burg- und Schlossreste vorherrschende Ortsbild ist die Bauweise des fränkischen Gehöfts prägend, wie sie sich - so Hildegard Frieß-Reimann in einem Beitrag zum Tagungsband »Das Dorf am Mittelrhein« (1989) - seit dem späten 16. Jahrhundert als Innovation zum ungeordneten Haufenhof entwickelt hat. Dabei sind die Gebäude rund um einen rechteckigen oder quadratischen Hof angeordnet; das Wohnhaus steht giebel- oder traufseitig zur Straße hin, daneben oder in eine Torhaus integriert das Hoftor, auf beiden Seiten die kleineren Wirtschaftsgebäude und Stallungen und zum Garten oder Dorfgraben hin, dem Wohnhaus gegenüber, die große Scheune. Die ältesten erhaltenen Bauten oder Bauteile gehen ins 16. Jahrhundert zurück: rundbogige Hoftore und zweigeschossige Wohnhäuser, das Erdgeschoß aus Stein, das Obergeschoss in Fachwerk mit einem Rechteckerker. Im dreißigjährigen Krieg (1618-48) und im pfälzischen Erbfolgekrieg (1689) wurden die rheinhessischen Dörfer in ihrer Bausubstanz größtenteils zerstört. Der Wiederaufbau im 18. Jahrhundert setzte die bereits begonnene Tradition weiter fort und gut erhaltene Ortsbilder wie in Westhofen oder Flonheim sind von dieser Zeit geprägt. Um 1800 endete der Fachwerkbau und nach dem Vorbild staatlicher Gebäude wie der Schulen setzte sich der Massivbau mit Bruch- oder Hausteinen in beiden Geschossen durch. Als regionale Besonderheit entstand - gefördert durch die großherzogliche Politik - die Bauform der Kreuzgewölbeställe, »wahre Prachthallen« nach Heinrich Wilhelm Riehl (1857). Die Dorfgräben wurden zunehmend bebaut, ebenso die Ausfallstraßen und Wege zu den neu entstandenen Bahnhöfen, um 1900 vorwiegend in Backstein. Die Mühlenbauten - häufig außerhalb - greifen das System des fränkischen Gehöfts ebenfalls auf. Rathäuser gibt es aus allen Epochen seit dem 16. Jahrhundert, Schulbauten vor allem aus dem 19. Jahrhundert. Wenig erhalten sind die Tagelöhnerhäuser. Der Kulturkreis Wörrstadt hat in der Wallstraße 18 ein Gebäude restauriert, das im Kern um 1750 als Fachbau entstanden ist und um 1850 als Lehmziegelbau umgestaltet wurde. Es waren einstöckige Bauten. »Im Erdgeschoß gab es eine kleine Stube, die auch als Küche diente. Darüber lag, nur durch eine angelehnte Leiter zu erreichen, ein zweiter Raum, vermutlich zum Schlafen.« (Frieß-Reimann, S. 237) Die Handwerkerhäuser waren aus dieser Bauweise entwickelt. Im Erdgeschoß gab es ein Werkstatt, das Dachgeschoß wurde mit der Zeit über einen Kniestock ausgebaut, teilweise mit Gauben versehen. Der aus Nieder-Olm stammende Schriftsteller Wilhelm Holzamer (1870-1907) beschreibt in seiner Erzählung »Peter Nockler« ein solches Schneiderhaus, in dem zwei Familien lebten: »Peter Nockler bewohnte mit seiner Frau Elise den unteren Stock, wo die Werkstatt war, der Michel Sieben (sein Vorgänger, der Verf.) hatte die zwei Stübchen im Kniestock inne, die nach der Straße gingen. Hinten hinaus hatte er sich eine Küche einrichten lassen, und so lebte er in den wenigen Räumen behaglich und konnte seine paar alten Tage noch genießen.« (S.108/109) Sowohl die Tagelöhner als auch die Handwerker ergänzten die Häuser durch Höfe, die sich am Stil der Bauerngehöfte orientierten, betrieben sie doch auch in unterschiedliche starkem Maße Viehhaltung und Landwirtschaft. Auch die vorbildlichen, mit Gärten versehenen Arbeiterwohnhäuser in der Wormser Kiautschau- Siedlung wurden von jeweils zwei Familien bewohnt, also viel intensiver als heute.
Wenn man heute Neubauten im Dorfkern oder in Neubaugebieten am Dorfrand errichtet, sollte man sich der regionalen Bautraditionen bewusst sein und sie bewusst zitieren oder konterkarieren. Pragmatischer Funktionalismus mag zwar preisgünstig sein und dem rheinhessischen Nützlichkeitssinn entsprechen, aber er ist nicht schön, verletzt Auge und Seele. Das melden zuallererst die Gäste von Außerhalb zurück, die bevorzugt alte Bausubstanz lieben und oft auch erwerben und restaurieren. So ist die Farbe der Landschaft eher erdig, ocker, gelblich, in Brauntönen und nicht weiß wie die gekalkten Bauten am Mittelmeer. Das setzt sich in den Dächern fort, die eine schöne Patina nur ansetzen, wenn man mit Ton- und nicht mit Betonziegeln arbeitet. Wie um 1900 sind auch Backsteinbauten denkbar, das Fachwerk ist nicht Maßstab aller Dinge, sondern nur eine mögliche Option. Putzfassaden waren seit 1800 üblich, nicht nur an Wohnbauten, sondern natürlich auch an Rathäusern und Kirchen, und von hier aus kann man natürlich auch andere Farben zitieren, auch mit Renaissance, Rokoko und Barock spielen. Wenn man Baustile anderer Regionen kopiert, sollte man dies bewusst tun, vielleicht mit einheimischen Elementen mischen und vor allem auf die Proportionen des Gebäudes und seine Beziehungen zur umgebenden Bebauung achten. Grundsätzlich haben Stilmix und Innovation Tradition in Rheinhessen; es ist eher der gedankenlos einfache Weg zum Allerwelts-Funktionalismus, der die Dörfer hässlich macht.
Fassaden- und Dachgliederungen machen ein Gebäude innen und außen lebendig. In der Postmoderne spüren die Bauherren das wieder und erlauben sich manche individuellen, scheinbar nutzlosen, aber schönen Schlenker und Umwege. Wenn neue technische Funktionen - ebenfalls aus der Besonderheit der Region heraus entwickelt - wie Solardächer und Windkraftanlagen sich verbreiten, ist es ganz und gar unrheinhessisch, dies mit Hinweis auf das Früher zu verhindern. Aber es ist sinnvoll, diese neuen Entwicklungen in eine Architektur zu verpacken, die mit der Landschaft und der baulichen Umgebung im Dialog steht. Eine staatliche Beratung und Förderung war hier stets hilfreich, wie die Geschichte der Kreuzgewölbeställe zeigt.
Inhalt Marginalspalte rechts