Inhalt
Rheinhessische Weinbergshäuschen zwischen Arbeitswelt und Freizeit
Ein Blick über Alzey. »Sitzt man dort oben, so ist ein leichtes, das Städtchen und seine Umgebung mit einem Blick zu umfassen. Auf den lang hingleitenden Bodenwellen des rheinischen Hügellandes liegt es an diesem Spätfrühlingstag wie erschöpft in den stumpfen, rostigen Farben der Ackererde da, von vielen Apfelbäumen umbuscht, die durch den reichlichen Ansatz der Früchte fast olivengrün schimmerten.« Elisabeth Langgässer blickt in ihrem 1946 erschienenen Roman »Das unauslöschliche Siegel« auf ihre Geburtsheimat. Und sie sagt uns auch, von wo aus: Von den »Weinbergshäuschen, welche der eine und andere Besitzer wie rohe Liebestempelchen ringsum mit Amoretten hatte bemalen und mit Bänken, einfachen Eisenstühlen und in die Erde gestampften Tischen für gesellige Zwecke hatte versehen lassen.« Am Südhang des Selztals Richtung Westen liegen die Weinberge der Bürger, selten ist hier der Bauernbes itz. Deshalb hat sich hier auch die Baukultur der Gartenlaube entwickelt. Die Weinberge wurden im 19. Jahrhundert wieder zu Weingärten und die Häuschen dienten der Muße und Geselligkeit. Man kann den Laubenstil heute noch sehen, bei einem Spaziergang oder aber an jedem ersten Sonntag im September, wenn der Altstadtverein Alzey zur Weinbergshäuschenwanderung einlädt. Während die Alzeyer Laubenhäuser vom Ende des Jahrhunderts stammen, gibt es andernorts in Rheinhessen auch klassizistische Elemente wie beim Elsheimer Kuppelbau, der vom Anfang des Jahrhunderts stammt. Dem Vorbild der Schlossparks - und damit indirekt auch chinesischen Vorbildern - ist das Herrnsheimer Häuschen im Stil barocker Teehäuser nachempfunden. Das Mettenheimer Häuschen auf dem Michelsberg dagegen ähnelt mediterranen Villen. Alle haben auch etwas von einem Wochenendhaus und beherbergten oft Herd und Mobiliar.
Älter als diese Freizeitbauten sind die Schutzhütten, in die sich Leser/innen oder Weinbergschützen bei Gewitter und Regen zurückziehen konnten. Neben Erdhütten findet man hier vor allem lang haltbare Steinbauten in zwei Urformen des Bauens: Kragkuppelbauten und Tonnengewölbe. Die Trulli, die man in einem Gebiet zwischen Wendelsheim/Flonheim und dem Beginn der pfälzischen Weinstraße bei Monsheim findet, sind kalkgeweißte Steinbauten mit einer spitz oder rund abschließenden Steinkuppel als Dach. Sie waren und sind in der Regel offen und nicht eingerichtet. Man findet diese seit der Jungsteinzeit bekannte Bauform überall in Europa und im Orient, ob als Vorratshäuser wie in Apulien oder als Kirchendach wie bei den Türmen von St.Paul in Worms und dem Dittelsheimer Heidenturm, die wahrscheinlich orientalischer Baukunst abgeschaut sind. Neben dem Trulli gibt es aber auch Tonnengewölbe aus Stein wie in Heppenheim an der Wiese. Diese Ba uten stammen wohl bereits aus dem 18. Jahrhundert; das »Weiße Häuschen« in Flonheim z.B. von 1756.
Eine Sonderform des späten 19. Jahrhunderts sind Weinbergstürme, die mittelalterliche Architektur nachempfinden. Getragen von der wilhelminischen Burgenbegeisterung im Zuge der Reichsgründung von 1870/71 bauten sich auch vermögende Weingutsbesitzer ihre Miniaturburg in den Weinberg. So finden sich zwischen Osthofen und Bechtheim eine Miniaturburg mit Turm und Pallas sowie ein Turm im Stil eines normannisch-maurischen Bergfrieds; dazu kommt in Osthofen der reich dekorierte »Rote Turm« im gotisch-maurischen Stil. Zur klassizistischen Villa Heiligenblut am Ortseingang von Alzey-Weinheim gesellt sich neben einer Kapelle und einem ummauerten Weinberg auch ein neugotischer Turm. Bereits aus dem Jahre 1865 stammt der Turm des Jakob Jung in Siefersheim, der nach dem Bildnis eines Hundes aus Steins, das sich früher zwischen den Zinnen befand, auch »Ajax« genannt wird und der Sage nach aus Liebeskummer erbaut worden sein soll. Der Türmer also als männliche s Pendant von Dornröschen und Rapunzel? Wolfgang Bickel meint in seinem Buch über Weinbergshäuschen etwas nüchterner: »Der Luginsland im eigenen Weinberg, Wohlstand und Bildung dokumentierend, das entspricht bürgerlicher Denkungsart. Auch dieses Ausstattungsstück belegt wie das Prunkbüffet im Salon die Kreditwürdigkeit.« Der Bürger träumt vom Adel, der Adel vom Mittelalter und alle gemeinsam von der guten, alten Zeit. Aber das Märchenhafte, das den Turmbewohner zum geheimnisvollen Einsiedler macht und ein bisschen die gewollte wie ungewollte Einsamkeit des menschlichen Ich symbolisiert - das steckt daneben auch in den Türmen, die man in den letzten Jahren zunehmend wieder als Hausteil von Neubauten in Rheinhessen findet. In vielen Gemeinden finden sich zudem noch gut erhaltene mittelalterliche Wohntürme, Vorformen der Burg, die auch als Vorbild gedient haben könnten.
Jedenfalls kann man in der Regel von allen Weinbergshäuschen aus die wegen der offenen Landschaft Rheinhessens besonders ergiebige Aussicht in die Ferne genießen und sich doch einen Augenblick später zurückziehen ins Innere, sei es zum Schutz vor dem Wetter oder zum Privatisieren. Nicht von ungefähr findet man in den Häusern, die offen sind, immer wieder in die Wand geritzte Herzen oder gröbere Anspielungen auf erotische Phantasien. Der Hauptnutzen der Weinbergshäuschen heute ist allerdings ein touristischer. Landschaft und Weinbau erschließen sich spielerisch bei Veranstaltungen wie der Alzeyer Weinbergshäuschenwanderung, der von Hohen-Sülzen oder der Trullo-Radwanderung von Flörsheim-Dalsheim über Monsheim ins Zellertal, die immer am dritten Juni-Wochenende stattfindet.
Inhalt Marginalspalte rechts
