Direkt zum globalen Menü für interne Informationen, Kontakt und geschüzte Zugänge | Direkt Hauptmenü für die Auswahl der Themenbereiche | Direkt zum Submenü des gewälten Themenbereiches | Direkt zum Inhalt der linken Marginalspalte | Direkt zum Inhalt | Direkt zum Inhalt der rechten Marginalspalte | Direkt zu den Tools und der Rheinhessen-Suche im Seitenfuß

Inhalt

Schadzauber, Hexennacht und Hexenverfolgung

Eine Frau aus der Eppelsheimer Blaugasse »liebte es, das Vieh in der Nachbarschaft zu verhexen, so dass es statt Milch Blut gab. Als das wieder einmal geschehen war, nahm die Besitzerin der verhexten Kuh auf den Rat verschiedener Nachbarn eine Sichel und hackte in die blutige Milch. Kaum war dies geschehen, da kam auch schon die Hexe herbeigelaufen und bat unter Tränen, die Frau möge doch mit dem Hacken aufhören. Denn jedes Mal, wenn sie mit der Sichel in die Milch schlage, verspüre sie den Schlag in ihren Augen. Sie wollte ja gerne dafür sorgen, dass die Kuh wieder reine Milch gäbe.« So erzählt es Wilhelm Müller in seinem zweiten »Rheinhessischen Heimatbuch« Anfang der zwanziger Jahre.

Schadzauber ist weltweit und seit vielen Jahrhunderten der Kern des Hexenglaubens in meist dörflichen Gemeinschaften. Ihm begegnet man mit einem Gegenzauber. Diese Erzählungen und Rituale sind symbolische Handlungen, die - fast immer verballhornt - auf dem alten Wissen von der Wirksamkeit der Formen (Worte, Gesten, Bewegungen, Musik, Tanz, Rituale etc.) beruhen. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat dieses Denken abergläubisch genannt und ihm das naturwissenschaftliche Experiment gegenübergestellt, das sich zunächst mit materiellen Substanzen und deren messbaren Gesetzmäßigkeiten begnügte. Rationale Erklärungen wurden gesucht. Dem entspricht in einer Landschaft volkstümlichen Aufgeklärtseins, wie es Rheinhessen seit der französischen Revolution ist, auch die aufgeklärte Variante der Hexensage: Die Spiesheimer werden demnach »Zabbe« genannt, weil sie einmal auf einen Betrüger hineinfielen, der hei mlich ihre Kühe molk und sich dann als Gegenzauberer in Szene setzte; er trieb dort, wo die Kühe keine Milch gaben, Zapfen in die Milch, bzw. in die Stallwand mit der Folge, dass die Milch am nächsten Tag wieder sprudelte, weil er an diesem Ort das Melken unterließ.

Die Gebrüder Grimm gingen von einer mündlichen, volksmagischen Überlieferung in Europa aus. Demgegenüber steht die These von der Volksmagie als herabgesunkenem Kulturgut, das sich der spätantiken Tradition und deren Renaissancen verdankt. An beiden Theorien ist etwas dran. Für die Grimm´sche Variante spricht z.B. das Brauchtum der Hexennacht. In der Nacht zum 1. Mai gingen und gehen auch in Rheinhessen die Hexen um. Fensterläden werden ausgehängt und weggeschleppt, ebenso wie Mülltonnen; besonders gelungene Aktionen werden als Anekdoten weitererzählt, so die Geschichte von der Ziege, die in Wörrstadt auf einer Stalltür hoch oben in einem Effenbaum (Ulme) gefunden wurde, oder die Geschichte von der zugemauerten Haustür und die vom Erntewagen, der sich am andern Morgen auf dem Scheunendach wiederfand. Heute kommen Kritzeleien, Schmierereien und Sprühaktionen hinzu sowie zunehmend Sachbeschädigungen. Das hängt dam it zusammen, dass die Anleitung durch die Tradition fehlt. Die Hexennacht hat sich nämlich aus Rügebräuchen entwickelt, die entweder darauf hinwiesen, dass jemand nicht ordentlich arbeitete (Geräte im Freien stehen ließ; seine Stalltüren ungenügend verschloß) oder dass man jemand, oft auch Amtspersonen, die sonst unterdrückte öffentliche Meinung spüren ließ. Durchgeführt wurden diese Aktionen meist von jungen Männern des Kerwejahrgangs. Mit dem Verfall der Kerwetradition verfiel dann auch die Tradition der Hexennacht. Die Jungmännerbünde ihrerseits gehen auf ältere heidnische Traditionen der Initiation zurück, wie sie der italienische Historiker Carlo Ginzburg beschrieben hat.

Die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit (1560 bis 1630) dagegen ist ein anderes Phänomen. Sie geht deutlich über die ältere Tradition des Schadzaubers hinaus. Parallel zur Wiederbelebung magischen Denkens in der Renaissance und im Gefolge der kirchlichen Ketzerverfolgung im Mittelalter entstand sowohl eine moderne, systematische Theorie von der Bedrohung der Gesellschaft durch Hexensekten (Hexenhammer, 1487) als auch eine moderne Umsetzung der Verfolgung in den Rechtssystemen der Territorialstaaten. Das dörfliche Geschehen wucherte dadurch über das alte Verhältnis von Zauber und Gegenzauber hinaus. Man hat inzwischen festgestellt, dass die Verfassung der staatlichen Justiz ausschlaggebend für den Umfang der Verfolgung war, der zu 80 Prozent Frauen zum Opfer fielen. So war der Staat in den Kirchenstaaten Kurtrier und Kurmainz offenbar weniger gefestigt als in der weltlichen Kurpfalz, denn in den beiden Erzbistümern gab man dem Verlangen nach Hexenprozes sen aus dem Volk stärker nach als in der Kurpfalz. Dort beschränkte man früh den Vorwurf der Hexerei auf den Schadzauber - Hexensabbat galt wie im Mittelalter als Illusion - und verlangte vor der Durchführung der Folter Beweise und mehrere voneinander unabhängige Zeugenaussagen. Das führte z.B. dazu, dass kurpfälzische Untertanen, die im kurmainzischen Bodenheim der Hexerei angeklagt wurden, vom Alzeyer Vogt gemeinsam mit einem Bauernaufgebot gewaltsam befreit wurden.

Was das magische Wissen angeht, das meist über okkultistische Druckwerke wie das Romanusbüchlein, das 6. und 7. Buch Mose oder auch das »Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie« des Abraham von Worms (1725) überliefert wird, so mischen sich hier herabgesunkenes Kulturgut, verballhornte Ritualformen, neuheidnische Ideologien und heilerisches Alltagswissen. Im Gefolge der Frauenbewegung sind neue Sekten wie der Wicca-Kult entstanden, der auch in Rheinhessen Anhänger hat.

Zurück zur Menüübersicht

Inhalt Marginalspalte rechts

Zurück zur Menüübersicht

Tools und Rheinhessen-Suche