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Sanfte Hügel und spöttische Zungen – Schriftsteller/innen in Rheinhessen

»Warum arbeitet der Verfasser dieses Romans nicht vier Jahre an seinen Geburten? Weil ihm der Bäcker, der Fleischer, das Höckerweib und der Schenkwirth nur auf acht Tage Credit geben.« In einer Fußnote zu seinem Roman »Franz Wolfstein« (1799) umreißt der in Wendelsheim geborene Theologe und Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) die Situation des Berufsschriftstellers, wie er sich Ende des 18. Jahrhunderts mit der Aufklärung und der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit herauszubilden beginnt. Die aufklärerische Kritik an den Dogmen des Mittelalters und der Feudalgesellschaft der frühen Neuzeit ist es auch, die Kultur und Literatur in Rheinhessen in besonderem Maße bestimmt. Spott und Witz durchziehen auch die Alltagskultur. So lebt die Saalfastnacht von der Büttenrede und in Mainz sind mit dem unterhaus und dem Kabarettarchiv maßgebliche Zentren der Kleinkunst zu Hause. Immer hat man sich hier gegen die Fülle der Residenzen gewendet und sie als Völlerei kritisiert – auch wenn die regionalen Autoren des frühen 19. Jahrhunderts heute meist vergessen sind -; andererseits hat man die Fülle des Lebens, wie sie sich in einer fruchtbaren Landschaft ausdrückt, die Namen wie »Wonnegau« oder »Liebfraumilch« hervorgebracht hat , geliebt. Und das hat die Rheinhessen davor bewahrt, die Aufklärung politisch zu radikalisieren und in Terror umzudeuten. Aber die Spannung zwischen romantischer Begeisterung, die stets im Hintretreffen war, und pragmatischer Distanzierung wird deutlich, wenn der Schöpfungsbegriff bei ganz unterschiedlichen Autoren wie Zuckmayer, Glaser oder Langgässer fast pathetisch beschworen wird, wo er andernorts selbstverständlich daherkommt.

Dazu passt als Spiegelbild die melancholische Ohnmacht der Poesie, wie sie z.B. beim Aufklärer Johannes Neeb (1767-1843) deutlich wird, wenn er angesichts der im Zuge des Baus der Kaiserstraße abgerissenen »Laurentzburg« schreibt: »Es thut mir leid um die alte Burg...Sie gab dem Ort ein pittoreskes Ansehen.« Ähnliches zeigt sich, wenn der Schriftsteller Georg K. Glaser (1910-1995) in »Geheimnis und Gewalt« von dem Rätedemokraten Heiner erzählt: »Eine leidenschaftliche Rede zugunsten der Bäume hatte ihn in aller Leute Munde gebracht. Im kohlearmen Winter neunzehnhundertneunzehn hatte der Arbeiter- und Soldatenrat den Schlosswald der damals noch reichen Familie Althaus abholzen wollen. Dank Heiner war der Wald erhalten geblieben, doch nicht für uns, die Arbeiterkinder, wie er es sich gedacht hatte. Eine wehmütige Enttäuschung stand dem Manne auf dem Gesicht geschrieben.«

Im 18. Jahrhundert beförderte die Aufklärung durch ihre Hinwendung zur Natur die Begeisterung für das Landleben. An Adelshöfen wie Versailles wurden Dorfkulissen aufgebaut, in der Literatur wurde in Anlehnung an die Antike (Theokrit, Vergil) die bukolische Dichtung (Hirtendichtung) gefeiert. Der in Worms geborene Lyriker Johann Nikolaus Götz (1721-81) übersetzte die Oden Anakreons und verfasste Gedichte, die Natur und Liebe mit mythologischen Zitaten in Szene setzten. Im Hauptberuf war er Pfarrer in Winterburg bei Kreuznach. Während seines Theologiestudiums in Halle fand er Zugang zum Dichterkreis um Gleim und Uz. Er entdeckte auch das dichterische Talent des Badenheimer Bauerndichters Isaak Maus (1748-1838), der als Naturbegabung vielfach im deutsch-sprachigen Raum Anerkennung fand. Aus diesem Grunde wurden ihm auch Positionen an Fürstenhöfen angeboten, die er abgelehnt haben soll mit der Bemerkung, er ziehe die »Freiheit im Bauernkittel« einer Funktion als »Fürstendiener« vor. Maus war auch Mitbegründer einer aufklärerischen Lesegesellschaft in Wöllstein. Im Januar 1792 verfasste er eine Grußadresse an die revolutionären »Franken«. Auch wenn er zunehmend skeptischer gegenüber Terreur und französischer Militärverwaltung wurde, wurde er 1809 doch Maire (Bürgermeister) in Badenheim und blieb es bis 1824, also auch unter dem hessischen Großherzog. In seinem »Bauern-Lied« von 1786 bringt er die Mentalität der Landschaft treffend auf den Punkt:

»… Güter für die Seelen
Sind in unsern Hütten unbekannt.
Bauern werden danach wenig streben;
Ihnen gibt das umgepflügte Land
Was wir brauchen, um vergnügt zu leben.
Weg mit aller Weisheit! – Eitler Glanz!
Uns nur statt Minervens Eule
Eine fette Gans.«

Eine viel radikalere Position der Zeitkritik nahm der in Wendelsheim geborene Pfarrerssohn Friedrich Christian Laukhard ( 1757-1822) ein. Obwohl seine Vorliebe durchaus einer republikanischen Staatsform galt, hält er seine ironisch-skeptischen Analysen politischer Herrschaft sein Leben lang durch, sei es gegenüber der Duodezherrschaft des Wildgrafen Carl Magnus in seiner Geburtsheimat, gegenüber dem rosenkreuzerischen Protestantismus am preußischen Hof, gegenüber Aufklärern wie Carl Friedrich Bahrdt und seinem »Philantropin« bei Dürkheim, einer Art pfälzischem Summerhill, gegenüber der Terreur und der Selbstbereicherung der Revolutionäre oder gegenüber Napoleon. Diese konsequente Opposition im Reportagestil hat ihn – in Verbindung mit einem sehr freizügigen Lebenswandel – nicht nur manche Pfarrersstelle gekostet, sondern ihm auch Gefängnishaft eingebracht. Lange nachgewirkt haben vor allem seine Lebenserinnerungen, die unter dem Titel »Leben und Schicksale« von 1792 bis 1802 erschienen sind. Noch Goethe hat sich daraus bedient, um seine »Belagerung von Mainz« auszuschmücken. Die hatte Laukhard als preußischer Soldat in den Schützengräben erlebt. Vergessen sind seine Romane wie die Banditengeschichte »Astolfo«, einem nach wie vor lesenswerten Revolutionsroman.

Aufklärerische Romanliteratur mit satirischem Unterton und allerlei Zeitkommentaren verfasste auch Johann Konrad Schiede (1760-1826), reformierter Pfarrer in Ensheim, Alzey und Appenheim. Am erfolgreichsten verkaufte sich sein Buch »Die privatisierenden Fürsten« (1802), das vor allem die nachrevolutionären Emigranten aus Korn nahm. Aber er griff auch andere typisch aufklärerische Themen auf wie den ethnologischen Blick in »Allerneuste Reisen ins Innere von Afrika« (1801) oder die Feminisierung von Gesellschaft und Politik in »Gynaikokratie oder die Regierung der Frauen und Jungfrauen als einziges Rettungsmittel der Welt« (1816). Ganz und gar auf der Seite der Jakobiner dagegen stand der Mainzer Bibliothekar und Altertumsforscher Friedrich Lehne (1771-1836), der neben seiner wissenschaftlichen Arbeit vor allem politische Lyrik verfasste, so das »Lied des freien Wöllsteiners« auf die Melodie der Marseillaise:
»Wir pflügten willig unsre Äcker, viel träge Prasser nährten wir;
doch seht, sie wurden immer kecker, erniedrigt waren wir zum Tier.
Geblendet von dem schnöden Glanze, den ihnen unser Fleiß
verschafft, war stolz und stark durch unsre Kraft
manch fetter Pfaff, manch geiler Schranze.
Wohlan, die Wahl ist leicht! Nur Freiheit oder Tod;
weh dem, Fluch dem, der es je wagt und unsrer Freiheit droht!«

Auch die Niederlage der Demokraten 1849 hat Rheinhessen geprägt. So schreibt der in Nieder-Olm geborene Schriftsteller Wilhelm Holzamer (1870-1907) in einem Brief über sich selbst: »Ich wurde verfolgt in unserem Dorfe wegen meines Wesens, meiner Sprache, meiner Abstammung – vom alten Holzamer, der jetzt in meinen Büchern Andreas Kraft heißt. Er war ein Revolutionär von 30 und 48 her, er hat einen schweren Kampf mit dem Bischof Ketteler in Mainz gekämpft und war ein besiegter Sieger...Mit sieben Jahren kam ich zu ihm in seine Privatschule, lernte gleich Französisch und wurde in religiöser Beziehung ganz frei erzogen.« Holzamer wurde Lehrer, wurde dann aber vom Großherzog zum Aufbau der Jugendstil-kolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe engagiert. Von dort entfloh er seiner bürgerlichen Biografie, verließ seine Familie und ging der Liebe wegen nach Paris. Davon handelt sein Roman »Der Entgleiste« (1906). Darin schildert er die Pariser Kommune, aber auch den Beginn der Sozialdemokratie in Rheinhessen. Eine politisch gegenteilige Position nimmt dagegen die vom Katholizismus inspirierte Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Elisabeth Langgässer (1899-1950) ein, die aus Alzey stammt. So polemisiert sie im Erzählungsband »Rettung am Rhein« (1938) gegen die Tradition von Aufklärung und französischer Revolution. Christliche Erlösungshoffnung und eine mystisch-mythische Leidenschaft zu Natur und Landschaft werden bei ihr stets als Widerstreit ausgetragen. In  »Proserpina« beschreibt sie den rheinhessischen Schauplatz der Erzählung als »magisches Land, aber es sei noch hinzugefügt, dass der Name des Ortes auf eine keltische Siedelung schließen lässt, die später von den Lateinern kolonisiert wurde, mithin eine Schichtung merkwürdiger und bedeutender Rassen darstellt, die in der Hunnenzeit, dem Mittelalter und schließlich in den Tagen Bonapartes kräftige und weitere Überhöhung erfahren hat.« (S.15)
Die von der Religion gezügelte Poetin nutzt Naturlyrik und antike Mythologie als Spiegel von Kreatur und Kreativität, oft in treffenden und schönen Bildern wider Willen.

Ganz anders der in Bingen-Büdesheim geborene Lyriker Stefan George (1868-1933). Inspiriert von den französischen Symbolisten Mallarmé und Verlaine entwarf er ein Bild der Rheinlandschaft, das die Traditionen der heidnischen Antike positiv aufgriff und besonders die romanischen Wurzeln herausarbeitete. Im Band »Der Siebente Ring« (1907) finden sich sechs jeweils vierzeilige Rheingedichte, von denen zwei Georges Perspektive gut beschreiben, Nummer V mit seinem Blick auf die fruchtbare Fülle der Landschaft und Nummer I mit einer utopischen Verortung in der europäischen Kultur als »drittes Reich« zwischen Deutschland und Frankreich:

»Dies ist das land: solang die Fluren strotzenVon korn und obst – am hügel trauben schwellenUnd solche türme in die wolken trotzen –Rosen und flieder aus gemäuern quellen.Ein fürstlich paar geschwister hielt in froneBisher des weiten Innenreiches mitte.Bald wacht aus dem jahrhundertschlaf das dritteAuch echte kind und hebt im Rhein die krone.«Rückblickend auf seine expressionistische Phase (1917-20) schreibt der in Nackenheim geborene Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896-1977): »Viel eher neigte ich in primitiveren Jahren zu einer Art von Animismus, zum Gefühl einer panischen Belebtheit, einer außermenschlichen Beseeltheit der Natur. Ich hätte leichter an Baumdryaden und Qualnymphen, an krönchentragende Schlagen und Zauberpferde geglaubt als an eine den Dingen und Geschöpfen innewohnende, fortschreitende Vernünftigkeit.« (Die langen Wege, 1996, S. 306) Diese vitalistische Grundnote hat ihn nie verlassen, wurde ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht. So schrieb Paul Rilla in einer Kritik zu »Des Teufels General«: »Zuckmayers Stück ist geeignet, dieselben ideologischen Vorwände, hinter denen ehemals der Nationalsozialismus die deutsche Ertüchtigung betrieb, einer heutigen Jugend schmackhaft zu machen: im Bilde einer Saft- und Kraftnatur, die ihre Sach auf nichts gestellt hat, und in einer moralischen Prozedur, die dieses Nichts aus dem Urquell des deutschen Gemütes nährt« (Katalog zur Marbacher Ausstellung 1996, S.341) Doch Zuckmayers Vitalismus war stets gemischt mit Humor, denkt man an die Theaterstücke »Der fröhliche Weinberg« oder »Der Hauptmann von Köpenick«, und stellte sich schützend vor das Leben des Einzelnen, jenseits aller Ideologie. Dass eine solche Position durchaus in der regionalen Mentalität wurzelt, zeigt der in Worms aufgewachsene Autor Georg K. Glaser (1910-95), der in »Jenseits der Grenzen« berichtet, wie er sich der naheliegenden Rache an einer Frau, die ihn seinen Nazi-Widersachern verraten hat, verweigert: »Aber so grell ich es mir auch zusammengedichtet, ich habe mich nicht selber aufhetzen können. Fressen mit schweren Eisenhammern einschlagen, ja, das ist leicht gesagt. Ich habe mir nicht helfen, ich habe sie nicht anders sehen können als jedes junge Menschenwesen, mit demselben leisen Schauer ob der Schöpfung: Myriaden Zellen in Jahrmillionen aufeinander abgestimmt zu einem immer wieder einzigen.« (S. 10). Glaser nimmt damit Bezug auf einen Ausspruch seiner Fördererin Anna Seghers (1900-1983), die Brecht in ähnlichem Zusammenhang zitiert hatte mit den Worten: »Man schlage ihnen die Fressen mit schweren Eisenhammern ein.« Dabei habe die in Mainz geborene Schriftstellerin »versucht, ihr liebes, unter Sommersprossen leuchtendes Gesicht grimmig zu verzerren.« (S. 5) Die »Treue zur Macht« habe sie dabei verführt; er ziehe dem die Ohnmacht vor. Die Position von Anna Seghers wiederum, der Autorin des im Exil geschriebenen Romans »Das siebte Kreuz« (1942), fußt nicht nur auf der »Treue zur Macht« (KPD, später SED), sondern auf den Erfahrungen des NS-Terrors, dem sie eine Gegenmacht meinte gegenüber stellen zu müssen. Dies wird z.B. deutlich in der Erzählung »Der Ausflug der toten Mädchen« (1943), die an einen Klassenausflug auf dem Rhein erinnert. Wie auch in anderen Texten schildert Seghers die rheinhessische Landschaft: »Mich zog es zuerst dichter ans Ufer, damit ich die unbegrenzte sonnige Weite des Landes in mich einatmen konnte.« Dann platziert sie zwei Klassenkameradinnen neben sich, Leni, die wegen der NS-Gegnerschaft ihres Mannes von der Gestapo misshandelt werden, und Marianne, die zu den NS-Anhängern gehören und Leni denunzieren sollte: »Marianne, Leni und ich, wir hatten alle drei unsere Arme ineinander verschränkt in einer Verbundenheit, die einfach zu den großen Verbundenheiten aller Irdischen unter der Sonne gehörte. Marianne hatte noch immer den Kopf an Lenis Kopf gelehnt. Wie konnte dann später ein Betrug, ein Wahn, in ihre Gedanken eindringen, dass sie und ihr Mann allein die Liebe zu diesem Land gepachtet hätten und deshalb mit gutem Recht das Mädchen, an das sie sich jetzt lehnte, verachteten und anzeigten. Nie hat uns jemand, als noch Zeit dazu war, an diese gemeinsame Fahrt erinnert. Wie viele Aufsätze auch noch geschriebne wurden über die Heimat und die Geschichte der Heimat und die Liebe zur Heimat, nie wurde erwähnt, dass vornehmlich unser Schwarm aneinander-gelehnter Mädchen, stromaufwärts im schrägen Nachmittagslicht, zur Heimat gehörte.«Nach 1945 war den Schriftstellern der Heimatbegriff und überhaupt die geografische Verortung von Texten suspekt, und das ist vielfach heute noch so. Man klammerte sich, fast verzweifelt, an alle Spielarten dessen, was man für Aufklärung hielt, kultivierte Distanz und Kälte und ordnete jede Wärmeaufwallung einer gestrigen Romantik zu, die man substantiell in die Nähe von Rassismus und Chauvinismus rückte. »Mainz, von Osten« heisst ein Text des in Mainz aufgewachsenen Schriftstellers Hans-Josef Ortheil (geb. 1951), der die Irritation am Heimatgefühls zum Thema hat: »Mir fiel auf, dass ich die Stadt, die ich Mainz nannte, bisher nur von Westen gesehen hatte, also wohl auch im westlichen Sinne wie auch im Geschick ihrer westlichen Anstrengungen. Schon in der Schulzeit hatte man mir..von ihr wie von einer goldenen Mittelpunktinsel inmitten eines unermesslichen Schattenmeeres der deutschen Geschichte erzählt.« (Mainz – ein literarisches Portrait, 1998, S.39) Bei der Rückkehr von einer Reise aus dem Osten fällt im dann auf: »Nichts werden wir dort mehr finden. Wir werden in Mainz überhaupt nichts mehr finden. Wir werden ankommen, und wir werden in der allgemeinen Bedeutungslosigkeit auch dieser Stadt herumwanken.« (S.41) Ortheils Perspektive entsteht aus einer »Überanstrengung an Bedeutung«, die durch sich ständige erweiternde Bedeutungslöcher aus dem Medienmüll der Unterhaltungsindustrie konterkariert werde. Der aus Thüringen stammende, aber in Mainz lebende Schriftsteller Ror Wolf (geb. 1932) geht noch einen Schritt weiter und zieht sich ganz in die Sprache und die persönliche Beobachtung der Umwelt zurück. In seiner Dankesrede anläßlich der Verleihung des rheinland-pfälzischen Staatspreises  1997 stellt er fest: »Ein regelrechter Heimatschriftsteller bin ich nicht gerade...Ich kann auch anderswo schreiben..., ich kann an jedem denkbaren Platz der bewohnten Welt schreiben...Ich habe zwei Jahre im 13. Stock eines Gonsenheimer Hochhauses geschrieben, und Sie dürfen sicher sein, dass fast alles, was damals im 13. Stock eines Gonsenheimer Hochhauses zu hören war, in meinen Büchern steht...Ich habe außerordentliche Erfahrungen gemacht mit den Geräuschen, die man natürlich nicht nur in Gonsenheim hört..., sondern in sämtlichen Hochhäusern der Welt. Das ist nichts Heimatspezifisches.« (Rheinland-pfälzisches Jahrbuch für Literatur 5, S.192)Dass die regionale Perspektive von und auf Literatur dennoch möglich ist, als eine der möglichen Perspektiven, und dass Aufklärung und Romantik, Verstand und Gefühl, Kälte und Wärme nicht im Widerspruch stehen müssen hat – ganz in der Tradition Heinrich Heines – der am Niederrhein geborene und in Mainz heimische Kabarettist Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) in einem liebevollen Mainz-Gedicht gezeigt, das die Sanftmut der Hügellandschaft mit Spott und Witz in Beziehung setzt:

»Ach, wie lieb ich diese Stadt,
die im Schmerz das Lachen hat
niemals nicht verloren.
Die in ihre Arme nahm
Römer und Franzosenkram,
Narren hat geboren.

Und die Hügel ringsumher,
als käm Sanftmut g’rad daher,
das Blaue und die Blüte.
Machen meine Augen froh,
meine Frauwe ebenso,
heilen das Gemüte.«

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