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Steinkuppeln und geschlossene Hofreiten - Kulturelle Mischungen als landschaftstypische Architektur in Rheinhessen

Während die rheinhessischen Städte als keltisch-römische Gründungen antike Baureste wie Stadtmauern - und türme, Amphitheater und Tempelanlagen im alten Stadtkern aufweisen, gehen die Dörfer auf fränkische Gründungen zurück, wie die merowingischen Gräberfelder belegen. Die römischen Landvillen liegen meist außerhalb der heutigen Dorfkerne, die sich um die Kirche und den daneben gelegenen alten Friedhof gruppieren, meist in halber Höhe am Hang, geschützt vom Wind der Plateaus und vom Hochwasser der Bachauen und in Nähe einer Quelle. Im Siedlungsbild finden sich diese alte Strukturen bis heute, kaum aber in den Bauten. Das alte Königsland am Rhein wies früh eine Vielfalt an Herrschaften auf, die Siedlungen wurden durch Erneuerungen nach Bränden, Kriegen und Planungen immer wieder überformt. Wer also nach Rheinhessen fährt, um großflächig erhaltene Originalensembles zu finden, wird e nttäuscht werden: die Landschaft zeigt sich in den Bauten wie bei den Menschen als facettenreiche und lebendige Mischkultur. Offenheit für Veränderungen und eine Vielzahl an Übergängen, Dämmerungen und Mischformen sind landschafts- und mentalitätsprägend.

Besonders die Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg 1618-48 und den Pfälzischen Erbfolgekriege 1689 in Städten und Dörfern sowie die Bombenangriffe auf Mainz und Worms vom Frühjahr 1945 haben das heutige Siedlungsbild geprägt. In den Städten blieben fast nur herausragende Einzelbauwerke aus Romanik, Gotik und Barock erhalten, in der Mehrzahl Kirchenbauten. Gut erhalten haben sich dagegen die historischen Vorstädte aus der Zeit um 1900. Dazu gehören auch die zahlreichen Siedlungen im Landhausstil wie z.B. das Wormser Kiautschau. In den Dörfern finden wir in der Regel den Wiederaufbau des 18. Jahrhunderts. »Was heute als «historische Ortskerne» oder gar als «mittelalterliche Gebäude» ausgewiesen wird, geht auf diese Epoche zurück«, stellt Hildegard Friess-Reimann fest (Bauen in rheinhessischen Dörfern, in: Das Dorf am Mittelrhein, Stuttgart 1989, S. 234). Und weiter: »Mit Beginn des 18. Jahrhunderts tritt die geschlossene Hofanlage immer mehr in den Vordergrund.« Die Wohnhäuser stehen trauf- oder giebelseitig an der Straße, daneben eine Hofmauer mit Tor und Fußgängerpforte. Scheunen und Ställe im hinteren Bereich und an der Seite schließen die Anlage ab. Dahinter liegen oft die Hausgärten und Dorfgräben. Anders als im alemannischen Raum (z.B. Elsass) schließen sich die Höfe gegenüber dem öffentlichen Raum ab. Treffpunkte sind Plätze, sowohl in Kirchennähe als auch im alten Marktplatzbereich oder an der Weed (Dorfteich) sowie Bänke an Straßengabelungen, die man im Volksmund auch »Liejebänkscher« (Lügenbänkchen) nennt, weil dort der Dorftratsch stattfand und mancherorts auch noch heute stattfindet. Insgesamt entsteht ein eher abweisender, individualistischer Eindruck, wenn man die heute notwendigen touristischen Maßstäbe anlegt. Vorbilder für diese fränk ischen Hofreiten waren denn auch wahrscheinlich wehrhafte Kloster-, Adels- oder Stadthöfe, ein kluges Bild für Schutzbedürftigkeit in einer waldarmen und himmelnahen Landschaft, in der jeder Ort leicht zugänglich und einsehbar scheint. Das Öffnen der schönsten Innenhöfe und Bauerngärten ist denn auch ein aktuelles Konzept, öffentliche Einladungen zum Feiern auszusprechen. Dass dies nur zeitweise geschieht, macht ihren Gebrauch natürlich um so festlicher. In Zukunft wird dem wohl schrittweise die Wohnnutzung um alte Innenhöfe folgen, denn die bäuerlichen Scheunen und Stallungen, zu denen auch die mittlerweile oft zu Gasträumen umgebauten Kreuzgewölbe (Kuhkapellen) gehören, werden nicht mehr in ihrer ursprünglichen Funktion benötigt. Der Farbgestalter Friedrich von Garnier hat in den letzten Jahren zu Recht darauf hingewiesen, dass erdfarbene Verputze besser zur Landschaft passen als das häufige Weiss der Neubaugebiet e und ebenso wie Ziegeln, Sandstein und Backstein die Herkunft der regionalen Bautradition von den Materialien aus den heimischen Lehmgruben und Steinbrüchen spiegeln.

Auch die Kirchen sind meist Mischformen: Romanische Türme mit gotischen Kirchenschiffen, gotische Hauptbauten mit barocken Türmen und natürlich historistische Zitate. Dabei ändern sich auch alte Funktionen, so z.B. wenn Kirchen unter den Konfessionen aufgeteilt wurden wie in Gau-Odernheim oder Pfeddersheim oder wenn in Mauchenheim ein barocker Turm auf den gotischen Chor gesetzt und die Kirche damit - vom Altar her gesehen - gewestet wird. Nicht zuletzt entstehen wegen der Mehrkonfessionalität der Dörfer auch Kapellen unter Rathäusern wie in Albig. Markant sind allerdings vor allem die wuchtigen romanischen Türme mit den kleinen runden Fensterbögen und den an Burgen erinnernden Verzierungen mit Lisenen. Eine Besonderheit unter ihnen sind die Steinkuppeltürme im südlichen Rheinhessen (St. Paul in Worms, Dittelsheim, Alsheim und Guntersblum), die sich zur Kreuzzugszeit aus den Vorbildern orientalischer Baukunst entwickelt haben. Ernst Blo ch assoziierte zu St. Paul: »Die Türme sind wahre Steine des Anstoßes, mit ihrem weißlich-morgenländischen Verputz, mit ihrer völlig heterogenen Figur...Alte Küchenöfen im so lange sarazenisch beeinflussten Süditalien zigen verwandte Formen...; arabische Heiligengräber tief in Tunesien kreuzen plötzlich auf freiem Feld, mit starkem déjà vu, das ferne Lineament. Hoch droben liegt so etwas wie dies Marabut-Grab doppelt auf den St.-Paulus-Türmen in Worms...ein Fremdkörper aus Allahs Welt: Die Votivkirche für St.Paul hat dem Apostel eine Silhouette aus Damaskus geweiht und vielleicht noch ein islamisches Heiligengrab.« (in: Literarische Aufsätze, Werke Band 9, Frankfurt 1959 ff., S. 422).

Es haben sich wenig Burgen und Schlösser erhalten, mehr noch mittelalterliche Wehrtürme und barocke Adelshöfe. Das hängt oft mit Planungen der Aufklärung zusammen, die unter Napoleon begannen. Wie in Nieder-Olm z.B. wurden alte Ortskerne, hier die Bischofsburg, abgetragen, um zeitgemäße Straßenplanungen, hier die Kaiserstraße von Mainz nach Paris, umzusetzen. Auch Stadttore- und mauern wurden im 19. Jahrhundert abgebrochen oder privatisiert. In den alten Stadtgräben entstanden überall Parkanlagen und Alleen mit historischen Villenbauten, jenseits der alten Dorfgräben neue Hofreiten. Die alten, einstöckigen Tagelöhnerhäuser - in Wörrstadt ist eines als Museumsbau erhalten - sind mittlerweile meist aufgestockt und mehrfach umgebaut. In den Gemarkungen findet man zahlreiche Weinbergshäuschen und - türme, darunter auch die spitz- oder rundkuppeligen Trulli - uralte Bauforme n wie die Steinkuppeltürmen der Kirchen - sowie Mühlengehöfte an den Bachläufen, die wie die Hofreiten ummauerten Festungen gleichen. Offenheit und Abgrenzung sind mithin die vordringlichen Themen, welche eine Landschaft prägen, die sich - freiwillig wie gezwungenermaßen - seit Jahrhunderten in besonderem Maße mit Veränderungsprozessen auseinandersetzt: Kulturelle Erinnerung und Vergessen müssen immer wieder neu austariert werden.

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