Direkt zum globalen Menü für interne Informationen, Kontakt und geschüzte Zugänge | Direkt Hauptmenü für die Auswahl der Themenbereiche | Direkt zum Submenü des gewälten Themenbereiches | Direkt zum Inhalt der linken Marginalspalte | Direkt zum Inhalt | Direkt zum Inhalt der rechten Marginalspalte | Direkt zu den Tools und der Rheinhessen-Suche im Seitenfuß

Inhalt

Theatergeschichte(n) aus Rheinhessen

»Fahr in die Höll! Ich kann mich nicht vernichten;
verwandeln nicht, aus meiner Haut nicht fahren,
und meine Haut dir um die Schultern hängen.«
Mit diesen Worten wehrt sich Sosias, der Diener des thebanischen Feldherrn Amphitryon, in Kleists gleichnamigem Schauspiel, gegen das Ansinnen des Götterboten Merkur (Hermes), ihm die Identität zu rauben. Das Verwechslungsspiel ausgelöst hat Jupiter (Zeus), der sich in Amphitryon verwandelt hat, um sich dessen Ehefrau Alkmene nähern zu können. Er hat den Götterboten zu Alkmene geschickt, um seine Ankunft zu melden. Gleichzeitig aber hat auch der richtige Amphitryon seinen Diener Sosias mit dem gleichen Ansinnen geschickt.
Kleists Schauspiel von 1803 geht im Kern zurück auf eine Komödie des römischen Dichters Plautus (250 bis 184 v. Chr.), der die europäische Theaterkultur über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. So ist es auch gut denkbar, dass seine Komödien auch im römischen Bühnentheater von Mainz gespielt wurden. Beim Bau der Eisenbahn 1884 wurde das größte Bühnentheater nördlich der Alpen wiederentdeckt; man sieht es, wenn man mit dem Zug durch den Mainzer Südbahnhof fährt. Es misst 116 mal 42 Meter und konnte etwa 10.000 Zuschauer fassen. Anders als in den Amphitheatern, die man als Orte von Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen kennt, spielte man in den Bühnentheatern Komödien oder Tragödien und feierte Feste zu Ehren großer Feldherren wie des mit einem Grabmal in Mainz erinnerten Drusus. Das römische Theater war an bestimmten Tagen des Jahres in das kultische Geschehen eingebettet. Es spielten nur Männer, die Terrakotta-Masken benutzten, wie man sie beispielsweise in Worms gefunden hat. Die Schauspiele wurden von Musikern begleitet, beliebt waren pantomimische Darstellungen.

Im Mittelalter entwickelten sich aus der lateinischen Liturgie zu Ostern in den Kirchen Osterspiele, die im 13. Jahrhundert auch der Volkssprache Raum gaben. Aus Mainz stammt wahrscheinlich das rheinhessische Osterspiel von 1514, dessen Handschrift In Heidelberg aufbewahrt wird. Später entwickelten sich aus den Osterspielen u.a. volkstümliche Passionsspiele wie in Oberammergau. Aus Heischebräuchen, bei denen junge Burschen von Haus zu Haus zogen und mit kleinen Vorführungen um Gaben baten, entwickelte sich im 15. Jahrhundert als erste weltliche Bühnenform das Fastnachtsspiel. Schwerpunkt dieser neuen Tradition bildete Nürnberg mit seiner Meistersingertradition. Einer dieser Meistersinger war der Arzt und Barbier Hans Folz, der 1435 in Worms geboren wurde. Von ihm sind 12 Fastnachtsspiele überliefert. Geschrieben hat er auch Bauernspiele, Gerichtsspiele, Arztspiele und Narrenspiele sowie mehrere antijüdische Spiele, die zur Unterstützung der judenfeindlichen Ratspolitik dienen sollten.

Bei den Jesuiten, die von 1562 bis 1773 in Mainz ein Gymnasium betrieben, gehörte das Theaterspiel zum Erziehungsprogramm. »Das erste Stück »Ecastus« wurde bereits 1562 aufgeführt. Für die Dauer des Bestehens des Kollegs sind für Mainz bisher ca. sechzig Stücke und gutbesuchte Aufführungen nachgewiesen.« (Mainz, 1999, S. 737) Im Übrigen nahmen seit dem 16. Jahrhundert vor allem die Komödien einen großen Aufschwung und wurden von Wandertheatern verbreitet, die mancherorts auch bereits in festen Gastspielhäusern auftreten konnten. 1766 entstand das Mainzer Komödienhaus als kurfürstliches Theater im Marstall (heute Landesmuseum). Als Intendant wirkte Karl von Dalberg, ein Verwandter des Mannheimerr Schillerförderers Wolfgang Heribert von Dalberg; das Stammschloss der Familie befand sich in Worms-Herrnsheim und ist heute noch mitsamt seinem schönen englischen Landschaftspark zu besuchen. Die Frankfurt-Mainzer Bühne von Siegfried Gotthilf Koch kann als Theater der Aufklärung gewertet werden mit einem Repertoire, das auch Mozartopern und Dramen Goethes wie Egmont umfasste. Bereits 1790 verfasste der Mainzer Geschichtsprofessor Niklas Vogt ein Drama über den Schwedenkönig Gustav Adolph, das die Republik anmahnte. Es wurde natürlich ebenso wenig gespielt wie eine Adelskomödie des Theaterdichters Schreiber, der wegen seiner scharfen Zunge von Mainz nach Frankfurt flüchten musste. Als französische Revolutionstruppen Mainz 1792 besetzten, ging die Koch'sche Theatertruppe wegen politischer Differenzen außer Landes. Gefördert von Georg Forster entstand ein »National-Bürgertheater«, das es in der kurzen Zeit der Mainzer Republik zu 15 Aufführungen brachte, darunter das Lustspiel »Der Aristokrat in der Klemme« des jakobinisch gesinnten 22 Jahre alten Studenten Nikolaus Müller. In der Theaterordnung heißt es: »Die Hauptrücksicht bei der Wahl der Stücke muss vorzüglich auf patriotische, das Freiheitsfeuer der Bürger erweckende genommen werden, und die ersten wären nebst denen von hiesigen Patrioten selbst verfertigten Originalien als z.B. »Der Aristokrat in der Klemme« etc. »Brutus«, nach einer guten deutschen Umarbeitung, die Verschwörung des Fiesko, Fust von Stromberg, welche sowie viele andere aus Schonung der Geistlichkeit und des Adels nicht hier gegeben werden durften.« (G. Steiner, Das Theater der deutschen Jakobiner, S. 87) Großen Wert legte man auch darauf, dass talentierte Bürger nicht nur Stücke schrieben, sondern auch auf der Bühne spielten. Aus diesem Umstand hat die rheinland-pfälzische Autorin Dörte Damm ein 2003 erschienenes Jugendbuch gemacht, das die Geschichte der Schauspielerin Daphne Wildermuth erzählt, die mit 14 Jahren erstmals im Mainzer Jakobinertheater auftritt und nach dem Ende der Republik nach Weimar flieht. 1829-33 entstand auf Initiative der Mainzer Bürgerschaft das Stadttheater (seit 1989 Staatstheater und Dreispartenhaus).

Nach der Niederlage der republikanischen Idee 1849 blieb der Wunsch nach nationaler Einheit einziger Motor der bürgerlichen Identität. Die Gründung von Altertumsvereinen, Museen und Theatern festigte diesen Weg. So ist es auch kein Wunder, dass der Bau des Spiel- und Festhauses Worms 1883-89 auf Richard Wagners Festspielidee fußt. Der mäzenatische Lederindustrielle Friedrich von Schoen (1849-1909) setzt allerdings nicht auf die Oper, sondern auf das Schauspiel. Ihm schwebt »das von den Bürgern selbst dargestellte Volksschauspiel« vor, also ein ganz ähnlicher Versuch zur Publikumsbindung und Identitätsstiftung wie im republikanischen Mainz, diesmal nur unter nationalem Vorzeichen. Kaiser Wilhelm II. kommt nach Worms, um sich das auf die Stadtgeschichte bezogene Stück »Drei Jahrhunderte am Rhein« anzusehen. Aber das Stück kommt beim Publikum nicht an, das es spöttisch »Drei Jahrhunderte Langeweile« nennt. Daraufhin entwickelt sich das Spiel- und Festhaus zu einem Gastspieltheater. Das ist es mit einer kurzen Unterbrechung nach 1945 bis heute geblieben. Den Festspielgedanken haben die Nibelungenfestspiele unter Intendant Dr. Dieter Wedel ab 2002 mit einem professionellen Ensemble erfolgreich wiederbelebt.

Einen neuen Akzent in der Theaterlandschaft setzte das 1966 gegründete »unterhaus« in der Mainzer Münsterstraße, das mit Kabarett und Kleinkunst auch die freie Theaterszene stark beeinflusst hat. Hervorgegangen ist es aus einem 1947/48 ins Leben gerufenen Studentenkabarett, dessen bekanntester Vertreter Hanns-Dieter Hüsch wurde. Eng verwoben ist die Modernisierung dieses Genres mit der 68er Studentenbewegung und ihren Nachfolge-Bewegungen vom Feminismus bis zur Soziokultur. Mittlerweile gibt es vergleichbare Bühnen auch in Ingelheim (KellerKunstKeller), Saulheim (KleineKUNSTBÜHNE) und Worms (Lincolntheater), aber auch Kulturzentren wie der Frankfurter Hof oder das KUZ (beide Mainz) stehen in dieser Tradition der populären Kunst seit den Sechzigern. Parallel dazu ging das auf dem Land weit verbreitete Laientheater, das immer in der Saalfastnacht eine starke Konkurrenz hatte, zurück; Kino und Fernsehen liefen ihm den Rang ab. In den letzten Jahren ist das Live-Erlebnis auf der Bühne wieder im Kommen, angefangen vom Schwank über das Mundartmusical bis zu Neugründungen wie der Komödie des Gerry-Jansen-Theaters in Alzey.

Der bekannteste Bühnenautor aus Rheinhessen ist sicher Carl Zuckmayer (1896-1977), der in Nackenheim geboren wurde und in Mainz aufwuchs. Heute noch inszeniert wird vor allem seine Militärsatire »Der Hauptmann von Köpenick« (1930). Das meistgespielte Drama der Weimarer Republik jedoch war das mit dem Kleistpreis ausgezeichnete Lustspiel »Der fröhliche Weinberg«. Die Uraufführung fand am 22.12.1925 im »Theater am Schiffbauerdamm« statt. Die Kritik am nationalen Lager, verkörpert im Korpsstudenten Knuzius, der im dritten Akt sturzbetrunken auf einem Misthaufen landet, und die überzeugende Inszenierung einer liberalen Volkstümlichkeit ärgerte vor allem die Nationalsozialisten, die in München und Frankfurt zu Störaktionen aufriefen. Sein Erfolg belegt die reale Chance eines »anderen Deutschland«, das gewaltsam von Rechts zerstört wurde. Heute wird der Autor mit Zitaten aus »Des Teufels General« (1942) und der Autobiografie »Als wär's ein Stück von mir« (1966) als Zeuge rheinhessischer Identität ins Feld geführt. Das war in den zwanziger Jahren anders. So schrieb der »Frankfurter Generalanzeiger« vom 11.3.1926: »In Mainz sah man angesehene rheinhessische Familien, ja das ganze rheinhessische Volk durch Zuckmayers Stück verspottet und beschimpft. Am Tag der Mainzer Erstaufführung, deren Zustandekommen lange fraglich war, protestierten 6.000 bis 7.000 Landwirte zugleich »gegen höhere Steuern« und den »Fröhlichen Weinberg«.«

Zurück zur Menüübersicht

Inhalt Marginalspalte rechts

Zurück zur Menüübersicht

Tools und Rheinhessen-Suche