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Vom Kuhstall zum Kulturhof - die rheinhessischen Weingewölbe
Als »wahre Prachthallen« hat Heinrich Wilhelm Riehl, der Begründer der pfälzischen Volkskunde, im Jahre 1857 die kreuzgratgewölbten Kuhställe in Rheinhessen bezeichnet. »Die Kreuzgrate spannen sich von Mauer zu Mauer und liegen auf eingelassenen, einfach geformten Kapitellen auf. Bei größeren Anlagen durchziehen eine oder zwei Säulenreihen den Raum. Die Tiere stehen mit dem Kopf zur Mauer. Im zweiten Fall gewinnt man einen Mittelgang; die Tiere stehen in zwei Reihen an jeder Längsseite des Stalles.« (Klaus Freckmann, Gewölbte Ställe, in: Hausbau im 19. Jahrhundert, Marburg, 1989, S. 233) Und weil die rheinhessischen Ställe im frühen 19. Jahrhundert genauso wichtig waren wie die »gut Stubb« im Haupthaus, investierte man so viel Geld und handwerkliche Fertigkeit, dass die Gebäude heute als Weinprobierstuben und Straußwirtschaften den Eindruck klösterlicher Behaglichkeit vermitteln. Aber wie kam es dazu?
Im späten 18. Jahrhundert setzte sich auch in der Kurpfalz eine neue landwirtschaftliche Produktionsweise durch, die höhere Erträge durch Anbau und Fütterung von Klee, Stallhaltung des Viehs und Düngung der Äcker erzielte. Da um 1800 die meisten Ställe in Fachwerkbauweise errichtet waren, gab es bald Probleme mit Bausicherheit und Haltbarkeit, sowohl was die Brandgefahr anging als auch wegen der Fäulnisprozesse am Material, die durch die Ausdünstungen des Viehs und des Mistes entstanden. In der Fachliteratur wurden daher immer wieder Gewölbe zum Bau empfohlen. Die handwerklichen Kenntnisse hatte man in Jahrhunderten, vor allem bei kirchlichen Bauten, gewonnen. Als die Klöster im Zug der Reformation und der französischen Revolution links des Rheins aufgelöst und häufig in Gutshöfe umgewandelt wurden, machte man vielleicht sogar praktische Erfahrungen mit der Viehhaltung in alten Gewölbebauten wie Refektorien. In Rheinhesse n sorgte der von der großherzoglich-hessischen Regierung ins Leben gerufene »Landwirtschaftliche Verein« für die agrarische Modernisierung.1841 druckte die Vereinszeitschrift einen Vortrag des Osthofener Gutsbesitzers Best ab, der über »die Anwendung der Kreuzgewölbe in Viehställen, insbesondere aber die Einführung einer neuerdings erfundenen Vereinfachung in den nöthigen Einschalungsvorrichtungen« berichtete (nach: Hildegard Friess-Reimann, Bauen in rheinhessischen Dörfern, in: Das Dorf am Mittelrhein, Wiesbaden, 1989, S.239).
Entwickelt hatte der Maurermeister Franz Ostermayer aus Eisenberg in der Nordpfalz diese neue Technik. Ludwig Freiherr von Lichtenberg, Generalkommissar der Provinz Rheinhessen von 1835 bis 1845 und bereits seit 1817 Regierungspräsident, forderte die regionalen Maurermeister im Jahre 1842 auf, bei Ostermayer Kurse zur Gewölbebauweise zu besuchen. Bis 1856 wurden fünfzig Meister geschult. Diese staatliche Förderung führte zum Bau von über 200 Kreuzgratgewölben und schuf damit auch einen regionalen Bautyp, der im Umland (Nahe, Glan, Hunsrück) wohl wegen mangelnder Finanzmittel und fehlender Materialien (vor allem Sandstein für die Säulen) nur vereinzelt zu finden ist. Immerhin kosteten große Gewölbeställe fast so viel wie ein zweistöckiges Wohnhaus. Die frühsten Beispiele werden auf das Jahr 1832 datiert. Ein Höhepunkt der Bautätigkeit liegt zwischen 1850 und 1880. Danach setzte sich das Baueisen und damit die Kappend ecke durch.
Als man in Rheinhessen hundert Jahre später die Milchwirtschaft schrittweise aufgab und immer mehr Betriebe gänzlich auf Weinbau umsattelten, wurden die »Kuhkapellen« entweder abgerissen oder aber umgebaut, sei es zu Wohnzwecken oder zu Weinprobierstuben und Straußwirtschaften. Mit der Direktvermarktung des Weins kehrte auch die früher einmal in den ländlichen Klöstern gepflegte Kultur in die Bauernhöfe zurück: Kunstausstellungen, Konzerte, Theater, kulinarische Menüs und Hoffeste werden von April bis Oktober allerorten angeboten. Ohne staatliche Hilfe wird es aber wohl nicht gelingen, über diese kulturtouristische Orientierung hinaus für die gesamte Region ein institutionelles Rückgrat kultureller Bildung in Rheinhessen zu etablieren wie es andernorts die Klöster waren und sind. Und auch das Vorbild der Krippe mit dem Jesuskind in einem Stall lässt noch auf Nachahmer warten, sei es der soziale Gedanke der Herberge oder die Stimmung der Weihnachtsfolklore.
Grundlagenforschung kann man von den Anwendern allein nicht erwarten; da sind Politik und Wissenschaft gefragt. Die Freude aber an der Qualität regionaler Produkte und an den schönen Künsten hat die rheinhessischen Kreuzgratgewölbe immerhin wieder zu lebendigen Orten der regionalen Kultur gemacht. 1999 haben sich etwa fünfzig Eigentümer zur »IG Rheinhessische Weingewölbe« zusammengeschlossen.
Aktuelle Termine und Hinweise zu Veranstaltungen in Rheinhessischen Weingewölben ersehen sie hier
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