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Weinlese - wie es früher einmal war

Nachmittags. An einem Samstag im September. Ein Fuhrwerk steht draußen am »Wingertsberg«, auf halber Höhe. Man sieht drei, vier bunte Flecken im Weinlaub. Das sind die Leser. Der Rest des Hügels träumt satt und ruhig in Grün. Und dabei ist »Herbscht«. In Rheinhessen ist das nicht nur eine Jahreszeit, sondern auch das Wort für die Weinlese überhaupt. Traubenlese sagt man eigentlich richtiger. Früher hätten zehn, manchmal sogar zwanzig Fuhrwerke zwischen den Weinbergen gestanden und über hundert bunte Flecken hätten durch das Laub geleuchtet. Carl Zuckmayer schreibt 1927 in der Erzählung »Die Weinberge bei Nackenheim«. »Im Herbst sind oft alle Hügel von Traubenlesern überschwemmt, der Weinberg krabbelt wie ein rötlicher Ameisenhaufen im Hochwald.« Wenn der »Wingertschütz« durch die Reihen ging, stieß er an jeder Ecke auf eine eifrige Lesemannschaft und bekam einen Schluck Wein »unn e Schtick«, ein Brot mit Hausmacher Wurst. Heute könnte er verhungern und verdursten, wenn er auf Tour ist und sich nicht selbst etwas eingepackt hat. Nur noch wenige Trauben werden mit der Hand gelesen. Den Großteil besorgen die Traubenvollernter. Die fahren auch noch abends bei Dunkelheit. Dann sieht man die Scheinwerfer zwischen den Zeilen und wundert sich noch immer. Dort ist doch kein Weg!

Mittlerweile bieten manche Weingüter die Handlese als Erlebnis-Wochenende für ihre Kunden an. Und sie können dabei auch das Schöne herausfiltern: Gemeinsam arbeiten, erzählen, sich an frischer Luft bewegen, Altweibersommer mit viel wärmender Sonne, ein Essen im Freien - das schmeckt sowieso viel besser als drinnen: Wurst und Brot laden sich mit Kraft auf, mit der Kraft rechtschaffenen Hungers. Das lässt sich beim luxuriösen Ausgehen nicht wiederholen. Der Kopf setzt die Maßstäbe und macht feine Unterschiede. Mit der Hand gelesen werden auch die Beerenauslesen und die Selectionsweine , das Besondere also, das von der Menge her begrenzt wird.

Dabei schien früher keineswegs immer die Sonne. Auch wenn es kalt war im Herbst und regnete, ging es morgens raus in die Weinberge. Mit klammen Fingern begannen die Scheren, im nassen Laub die Traubenhängel zu suchen. Mit der Zeit wurden Finger und Hände schwarz, von Saft und Erde. Und auch wenn es tagsüber schön war, aber gegen Abend zu regnen begann, hieß es: »Die paar Reihe mache mer noch!«. Bei der Ernte musste man eben schnell fertig werden. Und abends, wenn die Leser sich ausruhen konnten, musste der Winzer noch keltern. Der Duft des gärenden Weins, der nach den ersten Tagen über den Dörfern hing, roch nach Arbeit: »Schäumt dann der Most, trüb und von dicken braunen Schwaden durchwölkt, aus der Kelter ins offene Fass, dann steht ein Geruch über der Gegend, der fast scharf ist in seiner Süße und häufig herb oder faul, seltsam vermischt mit dem Brenzlen und Schwelen der Kartoffelfeuer.« (Zuckmayer) Je länger die Rebzeilen waren, desto weiter musste der Buttenträger laufen. Und dann waren die Eimer schnell voll. Damit alles in die Butt ging, wurde erst gehotzelt, auf und nieder, damit sich die Trauben besser setzten, und dann gestampft. Manchmal waren auch die Eimer schon gestampft. Und wenn dann einer der Leser zu viel Schwung nahm, hatte der Buttenträger den klebrigen Saft im Genick. Aber immer ging' s weiter. Es ist keine Frage: Die Maschinen haben auch Erleichterung gebracht.

Das »Früher«, von dem ich da erzähle, das sind die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Als Kind war ich - wie fast alle Altersgenossen - in den bei uns eine Woche länger dauernden Herbstferien in der Traubenlese, um mir Geld zu verdienen. Aber es gibt noch ein früheres »Früher«, im 19. Jahrhundert nämlich. Das beschreibt Wilhelm Hoffmann in seiner »Rheinhessischen Volkskunde« von 1932: »Der Mosterkolben, mit dem die Trauben im Holzgefäß zerstoßen wurden, ist verschwunden, auch werden solche nicht mehr mit großen Stiefeln in einer Bütte zertreten, selbst die Traubenmühle, das Ladfaß und die Boll, mit der eingeschöpft wurde, sieht man kaum noch, da überhaupt nicht mehr im Weinberg gemostet wird, sondern die ganzen Trauben in größeren oder kleineren Bütten nachhause kommen oder gleich zum Käufer wandern.« Gekeltert wurde also im Hof. Das war der Fortschritt nach 1900.

Aber auch der Brauch braucht eben eine Grundlage wie das gemeinsame Arbeiten. Maschinen singen nicht in den Weinbergen. Außer vielleicht wenn der Fahrer ein Radio mitgenommen hat oder einen Discman mit Kopfhörer. Im »Fröhlichen Weinberg« heißt es bei Zuckmayer: »Inzwischen ist der Winzergesang immer näher gekommen, teils rauh, teils nasal, teils kreischend, teils schleppend, teils munter: Charlottchen, Charlottchen, gehst mit mir ins Gras! Ach nein, ach nein, das macht mich so nass.« Für so etwas müssen Menschen zusammen in die Lese gehen. Selbst singen könnte man heute höchstens mit und für die Kunden bei einem zum Fest gestalteten Imbs am Ende der Lese. Wenn sich alle Winzer im Dorf zusammenfinden würden, könnte man vielleicht sogar die »Herbstmuck« wieder aufleben lassen. Das war laut Hans-Jörg Kochs Weinlexikon eine »besonders gut herausgeputzte Leserin, die beim Herbstschlussfest rittlings auf dem letzten Ladfaß sitzend in das Dorf zurückkehrte.« Schon 1897 sei dieser Brauch verschwunden, ebenso wie das Ladfaß. Dafür gibt es seit 1931 in der Pfalz und seit 1952 in Rheinhessen Weinköniginnen. Ob die mit dem letzten Maischewagen oder auf dem letzten Vollernter ins Dorf »reiten« könnten? Warum nicht, wenn das Spektakel genügend zahlende Zuschauer findet? Und dann könnte man wieder zu einer »Bremsermusik« mit Tanz einladen. Heute sitzt man allerdings lieber in den Straußwirtschaften, isst Zwiebelkuchen und trinkt neuen Wein. Tanzen steht selten auf der Tagesordnung, eher noch ein bisschen Kultur mit Mundart, sei sie gesprochen oder gesungen.

Die Weinlese ist individueller geworden, für den Winzer wie für den Kunden. Und das prägt auch die Dörfer. Hoffeste und Straußwirtschaften wachsen den »Kerwen« und »Musicken« über den Kopf. Das Lesen mit der Hand wird buchbar, als Kundenevent oder auch als Volkshochschulkurs vielleicht. Gern fährt man auch sonntags an schöne Aussichtspunkte in den Weinbergen zum Picknick hinaus oder wandert gemeinsam an den Weinbergshäuschen entlang. Die Alten hätten gesagt: Die spinnen! Wer werktags draußen ist, feiert sonntags doch lieber drinnen in »de gut Stubb«.

Das Erdige von »früher« macht heute einer gewissen Leichtigkeit Platz. Man kann sich sein Vergnügen aussuchen und seine Arbeit scheinbar auch. Lebensqualität lautet das Stichwort. Wenn die Rheinhessen dennoch mit Wehmut von der Traubenlese früher reden, meinen sie wohl nicht die schwere Arbeit, sondern das Miteinander, das Lebendige der Menschen in den Weinbergen, die Gewissheit, sich zum Feiern treffen zu können, das gemeinsame Singen und Tanzen, das die Kenntnis der Lieder und Tanzschritte voraussetzt. Das müsste man eigentlich nicht aufgeben. Und wie es scheint, kommt das Soziale ja auch durch die Hintertür wieder zurück, nur etwas verändert, nicht als Norm, sondern frei gewählt. Das könnte in Zukunft auch für die Handarbeit gelten, und zwar in dem Maß, in dem das Leichte unerträglich wird und geschmacklos. Dann wäre nicht nur die Qualität des Produkts ein Argument für die Lese per Hand, sondern auch die Qualität der Arbeit selbst. Dass so etwas möglich ist, macht eine Kulturlandschaft, die immer noch von, mit und für den Wein lebt.

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Der Wingertschütz bekam überall einen Schluck Wein
Der Wingertschütz bekam überall einen Schluck Wein (Quelle: Franz Pfaff, Worms)
Das Maischen der Trauben draußen im Weinberg
Das Maischen der Trauben draußen im Weinberg (Quelle: Franz Pfaff, Worms)
Gruppenfoto beim »Imbs« im Weinberg
Gruppenfoto beim »Imbs« im Weinberg (Quelle: Franz Pfaff, Worms)
Der Traubenvollernter brachte eine ungeheure Erleichterung der Arbeit im Weinberg
Der Traubenvollernter brachte eine ungeheure Erleichterung der Arbeit im Weinberg
Ein Traubenvollernter »überfährt« die Rebzeile.
Ein Traubenvollernter »überfährt« die Rebzeile.

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