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Windräder als Lebens- und Landschaftskunst

»Ein Tisch ist ein gefällter Baum; er hat zu dauern, bis ein Baum wieder gewachsen ist.« Das schrieb der aus Rheinhessen nach Paris dauerhaft emigrierte Schriftsteller Georg K. Glaser 1985 in seinem autobiografischen Roman »Jenseits der Grenzen«. Dieser unmittelbar einleuchtende Satz gilt nicht nur für Tisch und Bäume, sondern für alles, was der Mensch an Natur verbraucht, jedenfalls auf lange Sicht gesehen. Somit gilt er auch für die Energiegewinnung. Und während die fossilen Brennstoffe, welche Sonnenenergie gespeichert haben, in - erdgeschichtlich gesehen - kurzer Zeit verbraucht werden, ohne dass genügend Zeit ist, sie neu zu generieren, während die Gewinnung von Energie mittels Spaltung der Atomkerne diesem Missverhältnis beim Uran dem lebendigen Organismus der Erde noch das Erbe hochgiftigen Abfalls einverleibt, nutzen Kollektoren, Vergärungsanlagen, Wasser- und Windräder heute - wie schon seit Jahrhunderten in den Mühlen - Techniken, die der Natur die Chance zur Regeneration geben und dem menschlichen Nutzer damit fast unerschöpfliche Energiequellen liefern.

Wenn man die Windräder auf den rheinhessischen Plateaus und Hügelkuppen mit diesem Blick ansieht, wirken sie zunächst einmal freundlicher als wenn man sie einfach nur als kostspielige Störenfriede traditionell gewachsener Augen-Blicke betrachtet. Aber damit ist die Debatte noch lange nicht zu Ende. Die Geschichte und Veränderung rheinhessischer Sehgewohnheiten muss ins Auge gefasst werden. Die Hügel waren einmal Inseln und HHH albinseln eines subtropischen Meeres. In den Sanden seiner Buchten wie der Weinheimer Trift oder dem Eckelsheimer Kliff findet man Muscheln und Haifischzähne. Das trockenwarme Klima im Rücken der Mittelgebirge ließ Steppenheiden statt Mischwälder wachsen. Der größte Teil der Landschaft ist Himmel und die Sicht ist weit, eben wie am Ufer eines Meeres. Das macht dieses Land vor allem geeignet für die Nutzung der Winde und der Sonne.
Lange Jahre waren die rheinhessischen Bauern Nutzer der Erde, bis hin zum pragmatischen Vergessen der natürlichen Gesetze: Man bebaute die Wiesen in den Bachauen, ohne an das Hochwasser zu denken, man planierte die Äcker maschinengerecht, ohne die Vielfalt an Pflanzen und Tieren zu vermissen und nahm die Rutschungen in Kauf und die Abschwemmungen bei starkem Regen. Lange Jahre kümmerte sich niemand um die Schönheit dieser Landschaft: Wenn man schöne Landschaft brauchte, verwies auch der Rheinhesse selbst auf die Berge, Wälder und Meere. Das hat sich zum Glück geändert. Der Blick von außen, von den Weinkunden, die auf den Hof gekommen, von den Zugezogenen, die in den stadtnahen Dörfern alte Höfe restaurieren, von den jungen Winzern, die sich draußen in der Welt umgeschaut haben, dieser Blick von außen hat die bis dahin verheimlichte Schönheit Rheinhessens wieder sichtbar gemacht und ins Bewusstsein gebracht. Auch das macht aus, dass die Windräder heute den Blick stören können.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück zum Typus unsrer Kulturlandschaft, die schon seit Jahrhunderten kaum unbearbeitete Natur enthält. Dichte Besiedlung, Realerbteilung und die aus demokratischem Selbstverständnis prinzipielle Abwehr zentraler Einheiten gehören ebenfalls zur rheinhessischen Lebensgewohnheit. Verdichtungen zu Residenzen sind selten, Industrialisierung gab es - bei allem Pragmatismus - eher am Rand, eher sogar jenseits des Rheins in den Residenzen der alten Territorialstaaten. Daher müsste man eigentlich eine positive Grundstimmung für dezentrale Energiegewinnung voraussetzen können, etwa wie im amerikanischen Westen, wo jedes Farmhaus sein Windrad hat.
Aber dazu ist die Versorgung mit Wasser und Strom schon zu lange, nämlich bereits über 100 Jahre, auch in Rheinhessen zentralisiert: Man hat es als Fortschritt erlebt und sich daran gewöhnt, dass das Wasser fließt, wenn man den Hahn aufdreht, und dass die Lampe brennt, wenn man den Stecker in die Dose steckt. Und für Modernität und Annehmlichkeiten der Technik hatte der Rheinhesse stets etwas übrig.
Aber die Zentralisierung von Produktion - nicht nur bei der Energiegewinnung - hat auch ihre Nachteile, wenn auch zunächst eher unsichtbar, bzw. unsichtbar gemacht. Es entsteht Abfall, zum Teil in giftiger Dosis. Dieser muss entsorgt werden und es entstehen Deponien und industrielle Abfallverwertungsanlagen. Die Kreisläufe alter Tradition sind unterbrochen. Da, wo wir die Produktion von uns schieben und verdichten, schaffen wir nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Kloaken, die kaum noch von der Natur abzubauen sind. Nicht umsonst hat man mit der Mülltrennung begonnen, Kompostierung gefördert, denkt im digitalen Zeitalter wieder über die Dezentralisierung von Arbeit in Netzwerken nach, will lieber Daten als reale Menschen auf Verkehrsbahnen schicken.

In diesen Zusammenhang passen auch die Windräder, die zurück zu den einzelnen Menschen kehren. Aber eben nicht ganz. Während die Kollektoren auf die Hausdächer montiert werden und Produzent und Verbraucher eine Person ist, werden die Windräder zu Windparks zusammengebaut, und zwar an exponierten Stellen, wo die Windausbeute effektiver ist. Es handelt sich also um Verdichtungen, die zwar lockerer angeordnet sind als in der industriellen Produktion, aber eben doch konzentriert. Und da wäre es gut gewesen, bevor man Windparks genehmigt und sich nur über die betriebs- und volkswirtschaftlichen Bedingungen Gedanken macht, die ganze Sache auch einmal unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten.

An exponierten Stellen hat es immer Bauten gegeben: Burgen, Ausflugslokale, Warttürme, Wasserbehälter; die häusliche Siedlung in Rheinhessen lag dagegen gewöhnlich am Hang, auf halber Höhe, hochwasser- und windgeschützt. Der touristische Blick setzt das Herrschergebaren des Adels und der Industrie fort, von oben in die Weite zu blicken. Warum auch nicht! Man hätte also zunächst einmal schauen können, wo und wie welche Windräder angeordnet werden, in der Größe, in der Menge, angeschaut von allen Seiten, vielleicht mit Farben verändert oder durchsetzt mit kinetischen Kunstwerken, unterschiedlich hoch möglicherweise, ja, inszeniert als Touristenattraktion, verbunden mit einer Geschichte der Landschaft. Auf manche Standorte hätte man dann wahrscheinlich verzichtet, andere ganz anders gebaut und betreut.
Kunst und Kultur hätten das Nachhaltige an der Gewinnung von Energie aus dem Wind vermittelt und sichtbar gemacht. Wenn man auf die Jugendstilbauten der E-Werke und Wasserwerke um 1900 blickt, versteht man, was gemeint ist. Die Windräder hätten künstlerische Inszenierungen am Himmel sein können, auf dem Weg zu Wahrzeichen der Landschaft sind sie trotz des Unmuts vielerorts bereits jetzt. Wenn Um- und Ausbauten nötig werden, lässt sich diese Perspektive vielleicht nachholen. Am Anfang könnte eine regionenweit ausgeschriebene - und vielleicht von den Betreibern der Windparks mitgesponserte - Ausstellung stehen, welche land-art vor Ort installiert oder aber durch Fotografie oder Malerei neue Blicke freigibt. Aber dafür werden die Rheinhessen wohl kein Geld ausgeben wollen. Sie halten so etwas immer noch für eher unnütz.

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