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Winter in Rheinhessen

»Im Winter, wenn der Rhein zugefroren war, hackten sie das Eis heraus und lagerten es in großen Kellern, die meistens in die Uferböschung des Rheins gegraben waren«, heisst es im »Mainzer Volksbuch« (von Roesgen/Gerlichs) über die Sandfärder, die im Sommer den Rheinsand förderten und verkauften und im Winter das Eis, das Brauereien und Gastwirtschaften zur Kühlung benötigten. Aber wann war es Winter in Rheinhessen? Wann war der Rhein zugefroren? Vor Weihnachten ist das Wetter im Hügelland heutzutage meistens mild. Frost ist eher selten. Es dominieren die Regen- und Nebeltage: Zuckerrübenzeit. Das bedeutet, dass der Acker durch die Riesenreifen der Transportfahrzeuge auf die Straße hinausgetragen wird. Das tief verschneite Fernseh- und Kaufhausweihnachten und die Wirklichkeit klaffen also in Rheinhessen auseinander. Wenn der Rhein überhaupt zufriert, dann im Januar oder Februar. Es gibt Erinnerungen an solch kalte Wi nter, so wie es die Erinnerungen an die Überschwemmungen im Frühjahr am Rheinufer gibt: 1288, 1407, 1460, 1891, 1929, 1941, 1954, 1963. Der Hinweis auf die Sandfärder könnte darauf hindeuten, dass der Rhein früher öfters zugefroren war, vielleicht weil er durch Zivilisationsabwässer weniger aufgeheizt wurde. Vielleicht ist das alles aber auch nur eine geschönte Erinnerung, weil im Gedächtnis eben das Erlebnis von Winterkälte mit all ihren Freunde und Schrecken die unentschiedenen Nebeltage verdrängt. Der berühmteste Winter in Rheinhessen ist der von 1929. Damals hatte eine Kältewelle ganz Europa erfasst. Es war der kälteste Winter seit 1893. Die tiefste Temperatur in Deutschland wurde mit 37,8 Grad minus in Niederbayern gemessen. Meine Großeltern haben von Jahrmarktstimmung auf dem Eis erzählt: Schlittschuhlaufen, Bratwurstständen und einem Karussell. In Mainz fand in diesem Jahr der Rosenmontagszug ohne Blasmusik statt , weil die Instrumente vereisten.
In Worms dichtete Philipp Wagner: »O Rhein, du Strom der Dichter/wie bist du jetzt erstarrt,/dem rauhen Frost erlegen,/der dich gefesselt hat!« 1930 zogen die französischen Besatzungstruppen ab. Das wurde wie ein Frühlingserwachen gefeiert. Das Wetter hatte also zur winterstarren Stimmung im Lande gepasst. Soweit zu den Freuden. Die Schrecken schildert die Feuerwehrchronik von Heidesheim von 1904: »Anfang Januar gegen 6 Uhr morgens brannte das Anwesen Georg Karl Krebs auf der Nonnenaue am Rhein. Durch die herrschende Kälte war der Rhein zugefroren und 25 cm dickes Eis war ein Hindernis zum nötigen Löschwasser. Doch nachdem ein großes Loch ins Eis geschlagen war, konnte man mit dem Löschen beginnen. Während der Löschmaßnahmen fror jedoch die Spritze ein und das Anwesen brannte restlos nieder.«
Wie es drinnen im Hügelland im Winter zuging, beschreibt der in Wonsheim geborene Autor Heinrich Bechtolsheimer (1868-1950) in seinem Buch »Zwischen Rhein und Donnersberg« an Hand des bereits im Dezember kalten Winters von 1808: »Schnee lag auf Weg und Steg, auf den Bäumen, im Walde, auf den Rebstöcken im Weinberge...So weit das Auge schweifen konnte, allüberall gewahrte es eine weiße, schimmernde Fläche. Die Dörfer lagen förmlich unter der Schneelast, die auf den Dächern lag. Wenn nicht der Rauch gewesen wäre, so hätte man glauben können, alles in dem sonst so belebten, blühenden Landstriche sei im Tode erstarrt.« (S.115) Rheinhessen ist ein Land, wo man weithin blicken kann, und ein Sommerland. Das hat auch die in Alzey geborene Schriftstellerin Elisabeth Langgässer (1899-1950) so gesehen. Sie ist eine Sommerdichterin, aber sie misstraut der quellenden Fülle dieser »magischen Landschaft«, die sich in galloromanischer Zeit im Bild weiblicher Gottheiten wie Proserpina (Persephone) ausdrückt. Sie misstraut dieser Lebenskraft intellektuell und aus christlicher Weltanschauung. Im Gedicht »Gartenkugel im Winter« (1947) heißt es daher: »Spiegelnd, hat sie einst verfangen/dich im Trug von Fern und Nah -/ungespiegelt, nun den bangen/Ruten gleichst du, die da hangen/unterm Eis, Proserpina!/...Nimmer gleißt ihr mehr die schöne/Lüge lüstern auf der Haut... «
Und wer freut sich auf den Winter? Bechtolsheimer: »Viel Freude hatten in diesem Winter die Kinder; denn bei der anhaltenden Kälte konnten sie tüchtig schleifen. Die Wiesen, durch die der Dunselbach fließt, waren überschwemmt, so dass es hier eine schöne Eisbahn gab. Auch das Schlittenfahren wurde eifrig betrieben. Hinter dem Dorfe, nach Stein-Bockenheim zu, lag eine kleine Anhöhe, die »Ackerschläge« genannt. Diese Anhöhe herunter sausten den ganzen Nachmittag die kleinen Handschlitten. Die Erwachsenen hatten ihre Winterarbeiten wie das Dreschen - heute erinnert das jährliche Dreikönigsdreschen in Westhofen daran -, das Nusskernen und das Obstdörren. Bechtolsheimer: »Ununterbrochen schnurrte in den Häusern das Spinnrad. Lange vor Tag standen dazumal die Frauen schon auf und spannen beim Schein des Kienspanlichtes, bis es Zeit war, zum Viehfüttern und Melken in den Stall zu gehen.« Das hört sich nicht nach gemeinsamer Spinnstube an, wo Märchen erzählt und Lieder gesungen werden. Dafür gab es wohl eher das Dämmerstündchen mit den Großeltern oder das Wirtshaus. Im frühen Winter (November) wurde gerne geschlachtet. Wilhelm Hoffmann schreibt 1932 in seiner »Reinhessischen Volkskunde«: »Oft ist der Metzger, der bei den Bauern das Schlachten ausübt, in seinem eigentlichen Beruf Zimmermann, Maurer oder Tüncher; er hat so Sommers und Winters Beschäftigung. Das Zuschicken der Metzelsuppe an Nachbarn und gute Freunde soll Rest eines alten Toten- bzw. Seelenopfers sein, dafür ja die Weihnachtsnähe die rechte Zeit ist.«
Natürlich gibt es auch ein traditionelles Weihnachtsbrauchtum in Rheinhessen. Advents-kränze kamen allerdings erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Den Tannenbaum kannte man schon länger und schmückte ihn mit Weihnachtsgebäck. Am Nikolaustag gingen der »Pelz-Nickel« und das Christkindchen heischen, d.h. eine Gruppe ging - wie heute noch bei Dreikönig oder neuerdings an Halloween - von Haus zu Haus und sang für eine kleine Gabe an Essbarem. Die dazu passenden Reime allerdings zeigen, dass der Schrecken des Nikolaus für die Kinder in Rheinhessen früher nicht sehr groß gewesen sein muss: »Heit owend kimmt de Niggeloos./ Was will er dann vun mer?/ Isch nemm en an de Zibbelkabb/ unn schmeiss en vor die Deer.« Hoffmann: »Lange war Weihnachten auch Jahresanfang, wie noch immer der hierzulande ziemlich allgemeine Dienstbotenwechsel der Knechte am 2. und der Mägde am 3. Feiertag beweist. « Das war der so genannte »Bündelchestag«, an dem man sein Bündel packen und zu einem anderen Hof weiterziehen konnte. Aber auch gegenseitige Besuche unter Familien waren üblich an den Weihnachtsfeiertagen. Danach folgten die Raunächte, von denen im »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« allerhand magisches Brauchtum überliefert ist. In Rheinhessen nannte man diese Zeit schon früher ganz profan »zwischen den Jahren« und nutzte sie zum Feiern. Das geschah allerdings nicht immer im Geist der Kirche, wie Hoffmann berichtet: »Aus dem 18. Jahrhundert hören wir, dass sie als eine besondere Betwoche galt, in der zwar die Arbeit nicht verboten war, aber alle Vormittage erbauliche Betrachtungen vor dem Altar angestellt und an Sylvester zur Nachmittagszeit die gewöhnliche Dankpredigt gehalten wurde, auch Reisen, Fahren, Gastereien, Zechen daheim und in Wirtshäusern verboten sein sollten. Dass zu letzterem Ursache war, ersehen wir aus einer Verhandlung in Westhofen von 1625, wo in dieser Woche »Gesäuf und schandbares Wesen, sowohl von ledigen Gesellen als von Ehemännern« vor sich gegangen war.« Der dritte Feiertag, der Tag des Evangelisten Johannes, war bei den Katholiken auch der Tag des Weinsegens. Ein Teil des gesegneten Weins wurde gemeinsam zuhause getrunken. Die »Johannis-Minne« war auch als Abschiedstrunk gebräuchlich. Der heutige Trollschoppen hat wohl noch von da seinen Ursprung. Auch er erfolgt wie jener aus gemeinsamem Glas.
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- Der zugefrorene Rhein bei Mainz

- Blick über den zugefrorenen Rhein nach Bingen